Retter Des Verschollenen Evangeliums

Die Meldung sorgte Ende März für Schlagzeilen: In der Schweiz sei das lang verschollen geglaubte «Judas-Evangelium» aufgetaucht, das von dem Verräter Jesu Christi stammen soll. Besitzerin des brisanten Dokuments: die «Maecenas Foundation for Ancient Art» in Basel. Geführt wird die Stiftung vom Advokaten Mario Jean Roberty – quasi als «Ein-Mann-Betrieb». Gegenüber «mysteries» enthüllt der 59-Jährige nun erstmals Details, wie er in den Besitz der kostbaren Handschrift gelangte.

von René Haenig Mario Jean Roberty tippt auf die Tasten seines Notebooks. «No battery», murmelt er vor sich hin. «Aber es sollte noch gehen», fügt er in Gedanken versunken an. «Wo hab’ ich nur…?» Die Spannung wächst.

«Da, hier», ruft Roberty, beugt sich über den Tisch, um das Notebook näher zu seinem Besucher zu schieben. Und da sind sie zu sehen: Digitalfotos des als Sensation eingestuften «Judas-Evangeliums».

Dass ein solches überhaupt existiert, weiss man seit langem. Dank Irenäus, der Mitte des zweiten Jahrhunderts Bischof von Lyon war: Dieser hatte die Schrift als Ketzerei verteufelt. Das jetzt aufgetauchte Dokument, das zwischen dem Anfang des dritten und dem Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt entstanden sein soll, schaut auf den Fotos reichlich zerfleddert aus.

Wie ein Puzzle Nicht nur der Zahn der Zeit hat an den uralten Papyrus-Seiten genagt. Auch neuzeitliche Antiquitäten-Spekulanten haben den in Leder gebundenen ägyptischen Kodex durch ihre Finger gehen lassen, ehe er bei Roberty in der Schweiz landete. Auf den Bildern sind denn auch vor allem zerfallene Papyrus-Seiten zu sehen. Gleich einem Puzzle werden sie derzeit in Genf wieder zusammengesetzt. Das «Judas-Evangelium» ereilte offensichtlich das gleiche Schicksal wie Judas selbst.Ausgerechnet mit einem Kuss hatte der den Heiland Jesus Christus an dessen Feinde ausgeliefert. Und dafür 30 Silberstücke kassierte. Als den Verräter kurz Vom Medienrummel überrascht worden: Mario Jean Roberty, Gründer der Basler Maecenas-Stiftung.

darauf das Gewissen plagte, warf er die Silberstücke zurück in den Tempel. Laut dem Evangelienschreiber Matthäus zog sich Judas danach zurück, «ging hinweg und erhängte sich».

War das, was folgte, ein Zeichen? Gemäss dem Bericht des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte brach der Ast, an dem der Verräter seinem Leben ein Ende setzen wollte, möglicherweise ab – «und er stürzte vornüber zu Boden und barst mitten entzwei, und alle seine Eingeweide drangen heraus».

Welch ein Ende für den Verräter. Nur, was hat dieser Mann, der den Verrat beging, in seinem «Evangelium» der Nachwelt hinterlassen? Spekuliert wird viel. Mario Jean Roberty aber mag sich daran nicht beteiligen.

Mit seiner Maecenas-Stiftung, in deren Besitz das historische Dokument mittlerweile ist, residiert er in einem prachtvollen Jugendstilbau im noblen Basler Gellertquartier. «Ich weiss wohl, in welche Richtung es im ‹Judas-Evangelium› in etwa geht, aber mehr auch nicht», gibt sich der Maecenas-Leiter zurückhaltend. Er habe sich noch nicht einmal die bisher übersetzten Passagen des Papyrus geben lassen, versichert er.

Bis zu 3 Millionen gefordert Zum ersten Mal, so erinnert sich Roberty, sei er im Herbst 2000 mit dem ägyptischen Kodex konfrontiert worden.

«Eine Mandantin von mir hatte das Manuskript veräussert, und zwar an einen recht fragwürdigen Händler aus den USA, wie sich herausstellte.» Seine Mandantin, eine Schweizer Kunsthändlerin, offenbarte dem Advokaten, um was genau es sich bei diesem Manuskript handelt.

Sie selbst war zufällig an die Schrift herangekommen. Diese war bis dato vor allem Spekulationsobjekt in der Antiquitätenszene gewesen. Teilweise waren bis zu drei Millionen Dollar für die Papyrus-Überreste gefordert worden.

Nachdem er davon erfahren habe, sei ihm bewusst geworden, dass es sich um ein «kulturhistorisches Dokument erster Güte» handle, das nicht in den Handel gehöre, erzählt Roberty. «Das müssen wir anders angehen. Damit ist eine zusätzliche Verantwortung verbunden, das muss erhalten und publiziert werden», erinnert er sich noch an die Unterhaltung mit der Kunsthändlerin. Sie habe sofort zugestimmt, als er angeboten habe, sich dafür einzusetzen, das Manuskript zurückzuholen.

Nach einigen Monaten hatte es der Advokat geschafft. Das «Judas-Evangelium» war zurück in der Schweiz. Zunächst hätten sie keine Ahnung gehabt, wie mit dem arg zerzausten Manuskript weiter umzugehen sei. «Wir haben uns dann sehr schnell schlau gemacht und sind in der Westschweiz auf eine Spitzen-Restauratorin gestossen, die einschlägige Erfahrungen hat und der wir das anvertraut haben.»

Expertenstreit Welch enormer Aufwand mit der nun seit vier Jahren andauernden Restauration verbunden sei, werde schon allein dadurch deutlich, «dass wir bis heute noch keine komplette Fassung vorliegen haben, über welche die damit befassten Sprachwissenschaftler unter der Leitung des Genfer Professors Rodolphe Kasser einhelliger Meinung sind», sagt Roberty seufzend.

Rodolphe Kasser gilt in Fachkreisen als Koryphäe für koptisch-sahidische Literatur. Er und sein Team haben mittlerweile alle lesbaren Teile des Papyrus-Bandes übersetzt. Der Rest soll bis Herbst, spätestens jedoch Ende Jahr entschlüsselt sein.

Was die genaue Übersetzung des Judas-Textes zusätzlich erschwert ist die Tatsache, dass der eingangs erwähnte fragwürdige US-Händler, dem Roberty das Manuskript wieder abjagte, «einige Fragmente zurückbehalten hat».

Trotzdem: Für Ostern 2006 ist die Publikation der einst von Irenäus gebrand- ‹‹ Nach der Publikation werden die Diskussionen erst recht losgehen.

markten Ketzerschrift in Französisch, Deutsch und Englisch angekündigt. «Danach werden die Diskussionen erst recht losgehen», ist Roberty überzeugt.

Die Publikation selbst wird von einem grossen US-Verlag übernommen. Den Namen will Roberty nicht nennen. «Die Der Sitz der Stiftung im Basler Gellertquartier.

Verhandlungen sind in diesen Tagen im Gange», bittet er um Verständnis für sein Schweigen. Dieser Deal sei nötig, um das Geld für die Restauration und Übersetzung des Manuskriptes zu sichern.

Bisher hat die Maecenas-Stiftung diese Arbeiten vorfinanziert. «Aber das sind Beträge, die die Stiftung nicht allein erbringen kann», sagt der Stiftungsgründer. Welche Summen die Restauration letztlich verschlingen wird, weiss Roberty selbst noch nicht im Detail. «Aber sie bewegen sich, wie man so schön sagt, im höheren sechsstelligen Bereich», schätzt er.

Roberty selbst hofft, aus dem Judas-Projekt «Geld für den eigentlich angestammten Bereich meiner Stiftungstätigkeit generieren zu können». Die Maecenas-Foundation finanziere vor allem wissenschaftliche Ausgrabungen in den Nachfolgerepubliken der ehemaligen Sowjetunion sowie deren Publikation.

Ein zweiter Schwerpunkt der Stiftung liege in China, erzählt Mario Jean Roberty. «Derzeit ermöglichen wir dort für eine Aussenstelle des in Xuzhou bestehenden Museums die Freilegung des Grabes einer Prinzessin.»

14 Millionen vergeben Seit ihrer Gründung im März 1994 habe «die Maecenas», wie Roberty seine Stiftung im Gespräch immer wieder kurz und bündig nennt, rund 14 Millionen Schweizer Franken eingenommen und vergeben.

Bisher sei er, etwas salopp ausgedrückt, ein «Ein-Mann-Betrieb». Das soll sich ändern. Robertys Tochter, die in die Fussstapfen ihres Vaters tritt, dürfte demnächst als zweites Stiftungsratsmitglied ins Schweizer Handelsregister eingetragen werden.

Um das Engagement des Anwalts zu verstehen, genügt ein Blick auf sein berufliches Umfeld der vergangenen 25 Jahre.

Unter anderem war der Schweizer der Rechtsvertreter des japanischen Miho-Museums. In Tadschikistan initiierte er den Bau des Nationalen Archäologischen Museums, den seine Stiftung mitfinanzierte. In den letzten Jahren fädelte er die Rückkehr von etlichen geraubten antiken Kunstwerken nach China, Italien, Ägypten, Libyen und Tunesien ein.

Seine beruflichen Mandate hätten ihn Ende der 80er Jahre in die Sowjetunion geführt, erzählt Roberty. So habe er damals unter der Obhut der Moskauer Akademie der Wissenschaften auch einen Einblick in dortige Archäologenkreise erhalten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion habe er dann mitbekommen, wie miserabel es den Wissenschaftlern und Archäologen plötzlich ging.

«Die Leute, mit denen ich zusammenkam, hatten zum Teil seit neun Monaten kein Salär mehr bekommen», erzählt er rückblickend. «Und das bei Löhnen in der Grössenordnung von umgerechnet drei bis fünf Dollar pro Monat!»

Angesichts dieser Umstände sah der Schweizer die Gefahr, «dass es in der Not zu Handlungen kommen könnte, die man später bereuen würde, und welche für die dortigen Kulturgüter sehr dramatisch wären». Im Klartext: Kunst- und Kulturschätze, die gestohlen und anschliessend verschoben würden.

Gleichzeitig habe er festgestellt, dass er mit Geld aus seiner eigenen Tasche sowie aus seinem Freundeskreis mit wenigen hundert oder tausend Dollar «wahre Wunder» bewirken konnte. Für ihn habe dabei weniger die Kunst oder Kultur selbst im Vordergrund gestanden als vielmehr die Menschen, die damit ihr Brot verdienen, erklärt Roberty die Beweggründe für sein Tun.

Allein der Bau des archäologischen Museums in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe habe 150 Familien während sieben Jahren Brot gegeben, erzählt er.

«Das ist für mich persönlich die Motivation, zu helfen. Ob bei den Ausgrabungen nun eine uralte, schöne Vase oder Skulptur ‹‹ Ob irgendetwas gefunden wird, interessiert mich weniger.

oder sonst etwas gefunden wird, interessiert mich dabei weniger», bringt es der Schweizer auf den Punkt.

Dass er trotz dieser mitunter für Staunen und ungläubige Blicke sorgenden Einstellung «einen Narren an der Archäologie und besonders an Tadschikistan gefressen hat», hängt auch mit einer dortigen Ausgrabung zusammen. Dabei wurde am Grenzfluss zu Afghanistan der Oxus-Tempel frei gelegt.

«In der Haupttempelhalle, die ausgegraben wurde, fand man drei Altäre; einen zoroastrischen, einen griechischen – und vereinfachend ausgedrückt – einen heidnischen Altar», erklärt Roberty. Untersuchungen hätten ergeben, dass diese drei Anbetungsstätten gleichzeitig benutzt worden.

Tolerante Tradition Angesichts des Bürgerkriegs, der das Land gebeutelt und Tausende von Toten gefordert hatte, wollte Roberty herausstreichen, dass Tadschikistan auf eine sehr tolerante Tradition zurückblicken könne. «Das habe ich auch in einem Gespräch mit dem tadschikischen Präsidenten Emomali Rachmonow betont», berichtet er.

Zu Rachmonow hat der Schweizer seit einigen Jahren gute Kontakte. Über ihn kam auch der Bau des archäologischen Museums in Duschanbe zustande. Diesem kommt heute sogar noch eine besondere Bedeutung zu. Nach der Zerstörung

Ein Gebäude mit einem Zaun vor sich.
Ein Mann in einem Anzug sitzt an einem Schreibtisch mit einem Stift in der Hand.
Ein Schlussschnitt eines Textes mit schwarz-weißem Hintergrund.