Wunder-Pulver Gegen öL-Pest Vor Durchbruch
Bereits vor 20 Jahren hat der Deutsche Werner Kroh ein Wundermittel gegen Öl-Katastrophen erfunden. Doch niemand wollte etwas davon wissen. Dabei könnten die verheerenden Folgen von Tanker- und anderen Unfällen damit völlig umweltfreundlich beseitigt werden. Jetzt steht die Erfindung des 61-Jährigen endlich vor dem Durchbruch. Ein Schweizer Unternehmen lässt Krohs Produkte derzeit in einer anerkannten Forschungsanstalt prüfen – und möchte sie anschliessend vermarkten.
von René Haenig Der Ozean beginnt in der Schweiz. Hinter Bern. In der kleinen Gemeinde Enggistein. Mitten in der Wohnstube von Werner Kroh.
Der Ozean des 61-jährigen gebürtigen Deutschen ist winzig klein: Ein Glasbehälter, nicht ganz 30 Zentimeter hoch, 15 Zentimeter Durchmesser. Knapp über vier Liter Wasser hat Kroh hineinfliessen lassen. Einfach so, aus dem Wasserhahn in seiner Küche. Vorsichtig rückt Kroh seinen Ozean auf dem Kunststoff-Tischset zurecht. «So, da hätten wir unseren Atlantik», sagt er.
Jetzt kann die Ölpest ihren Lauf nehmen. Und der Kampf gegen dieselbige.
Denn Werner Kroh hat ein Öl-Beseitigungsprodukt entwickelt, das bei Öl-Katastrophen oder Auslaufen von Öl eingesetzt werden kann. Schon vor gut 20 Jahren. Aber trotz spektakulärer Tanker- und anderer Öl-Unfälle wollte bisher niemand seine Erfindung haben.
Bis Kroh vor über einem Jahr auf Paul Schuler traf. Der Verwaltungsratspräsident der Swisstech Holding AG mit Sitz im schweizerischen Zug ist Krohs grosse Hoffnung.
Tests demnächst abgeschlossen Die Firma lässt Krohs Wundermittel derzeit von einem der weltweit wichtigsten Labors prüfen. Ende August soll der Testprozess abgeschlossen sein. Läuft alles nach Plan, könnte der «Öl-Killer» des Tüftlers aus Enggistein bereits nächstes Jahr in Produktion gehen.
Unterdessen nimmt in Krohs Wohnzimmer-Ozean die Ölkatastrophe ihren Lauf. Der Erfinder kippt eine ordentliche Portion Schweröl in den Glasbehälter. Ein penetranter Gestank breitet sich in der guten Stube aus. Und auf dem Mini-Ozean wabbert plötzlich ein Ölfilm.
«Jetzt hilft nur ein Hubschrauber», erklärt Werner Kroh. Seinen hat er schon in der Hand – ein schlichtes Haushaltssieb muss als Flugobjekt herhalten, um sein Wundermittel über dem Ölteppich zu verteilen. Es ist ein graues Pulver, eine Art Gesteinsmehl, über dessen Zusammensetzung Kroh Stillschweigen bewahrt. Ein wenig sieht es aus wie Zement. Oder wie Asche. Nur soviel gibt der Tüftler preis: «Es ist auf Basisprodukten aufgebaut, die überall zu haben sind.»
Wie Puderzucker über einen Kuchen, streut Kroh sein Mittel übers Wasser. Zum Abschluss seiner Demonstration bringt er seinen Ozean zum «Kochen». Mit einem Esslöffel sorgt er für den nötigen Wellengang. «Und?» fragt er mit einem triumphierenden Lächeln.
Der Besucher staunt. Der Ölfleck im Ozean von Enggistein verkrümelt sich im wahrsten Sinne des Wortes. Feine graue Teilchen schweben durchs Wasser, sinken langsam zu Boden. Kein Ölfleck mehr. Die Katastrophe ist vorbei.
Biologisch komplett abbaubar «Mein Produkt verändert die Molekularstruktur des Öls», erläutert der Tüftler. Und: «Es wird vollständig biologisch abgebaut – mit Hilfe der Natur.» Kroh hat den «Öl-Killer» nicht nur in Pulverform geschaffen, sondern auch als flüssiges Mittel. Damit, so betont er, könnten auch ölverseuchte Strände und Küsten gereinigt werden.
Professor Dr. Jawahar Lal Wakhloo vom Fachbereich Biologie der Universität des Saarlandes bescheinigte Kroh bereits Anfang der 90er-Jahre, dass es sich bei dessen Erfindung nicht um faulen Zauber handelt: «Das feine ascheähnliche Pulver namens SOT-11 (Solid Oil Treatment) wurde zur Dekontamination von Meer- und Süsswasser, das mit allen Arten von Rohölen sowie seinen verschiedenen Fraktionen verseucht ist, entwickelt. Das Pulver ist ein Gemisch aus diversen fein gemahlenen Gesteinsarten und enthält ausschliesslich natürliche Mineralien, die die Flüsse als Ablagerungen ins Meer befördern.»
Laut Wakhloo sei das Pulver in der La-Werner Kroh. Seine Briefwechsel und Gutachten füllen längst ganze Aktenordner.
ge, «Rohöl zu binden oder zu absorbieren». Ob seiner hohen durchschnittlichen spezifischen Gravitation von 1,75 sinke es ‹‹ Auch ganze Küstenstreifen lassen sich damit säubern.
auf den Meeresboden, wo das Öl innerhalb von ungefähr vier Monaten mit Hilfe von biologischen Prozessen völlig abgebaut werde.
Das Fazit des deutschen Uni-Professors: «Der einzige Rückstand, der vier Monate nach der Behandlung des Ölteppichs auf dem Meeresboden zurück bleibt, ist ein Gemisch von teilweise verwitterten Gesteinsmineralien, die ohnehin normalerweise auf dem Meeresboden vorkommen.»
Ähnlich positiv äussert sich der Wissenschaftler aus Saarbrücken über die flüssige Variante von Krohs Mittel gegen Ölkatastrophen. So bilanziert er in einem Schreiben an den Erfinder: «LOT-11 (Liquid Oil Treatment) ist eine aus ungiftigen Bestandteilen bestehende Emulsion, die zur Säuberung von Küstenstreifen, allen Bodenarten und Strassen sowie Hafenanlagen und Lagertanks, die mit Öl oder einem seiner Fraktionen, wie etwa schwere Schmieröle, verseucht sind, entwickelt wurde.»
Weiter führt der Professor aus, dass die Emulsion zu 90 Prozent aus Wasser und zu zehn Prozent aus anderen Bestandteilen bestehe, «darunter Pflanzenöle oder ihre Derivate, Emulgatoren und Propylenglykol». Alle diese Bestandteile, so versichert Wakhloo, «sind ungiftig und in der weltweiten Lebensmittel- und Kosmetikindustrie als Zusätze zugelassen».
Experimente hätten gezeigt, dass das Öl dispergiere, nachdem es bei der Reinigung mit LOT-11 behandelt wurde und innerhalb kurzer Zeit im Meer oder an Land durch natürliche biologische Prozesse abgebaut werde.
«Völliges Desinteresse» Werner Kroh hat die Bestätigungen fein säuberlich in einem Ordner abgeheftet.
Ebenso zahlreiche Zeitungsartikel. Erstmals vorgestellt hatte er sein Pulver vor über 20 Jahren an der Erfindermesse in Basel. An die Reaktionen erinnert sich der Tüftler noch sehr genau. «Damals herrschte völliges Desinteresse», erzählt er.
Die Öl-Lobby habe schlicht ihre eigenen Ideen und Interessen, musste er im Laufe der nächsten Jahre immer wieder feststellen. Denn mehr als einmal wurde Kroh eingeladen, seine Erfindung zu präsentieren.
«Da, sehen Sie!» Der 61-Jährige zeigt auf einen Zeitungsbericht samt Fotos. Die Bilder zeigen ihn am Strand von Abu Dha- ‹‹ Ich weiss nicht, was in den Köpfen der Leute vorgeht…
bi. Um den Ölscheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten seine Erfindung zu präsentieren, krempelte sich der Mann aus der Schweiz dort kurzerhand die Hosenbeine hoch, watete in den Persischen Golf und führte die Wirkung seines Produktes vor. Leider vergeblich. Es blieb bei Zeitungsartikeln und Erinnerungsfotos.
Jahrelang klopfte Kroh bei Ölfirmen, Chemieunternehmen und Umweltschutzorganisationen an. Ebenfalls ohne Ergebnis. Warum? Darüber zermartert er sein Hirn schon lange nicht mehr. Ölkatastrophen am TV-Bildschirm nimmt er konsterniert zur Kenntnis. «Ich weiss nicht, was in den Köpfen der Leute vorgeht», sagt er.
Er könnte ein gebrochener Mann sein.
«Ich habe im Laufe der Jahre viel an persönlichem Komfort verloren», gibt er zu. Rund sechs Millionen Franken habe er in die Entwicklung von SOT-11 und LOT- 11 investiert. «Ohne Schulden zu machen», wie er nicht ohne Stolz betont.
Geld, das er unter anderem als Vertreter für Reinigungsmittel verdiente. Hin und wieder habe er kurz daran gedacht aufzugeben. «Aber ich ziehe das durch – auf Biegen und Brechen», gibt er sich heute optimistisch.
Ehefrau hilft tatkräftig mit Für den Unterhalt der Familie sorgt mittlerweile seine Frau Irene. Kroh ist zum zweiten Mal verheiratet. Seine erste Frau ist vor einigen Jahren gestorben. «Natürlich ist es nicht immer einfach», erzählt seine Ehefrau. Doch auch sie ist von der Erfindung ihres Mannes absolut über- Der Versucht beginnt. Kroh giesst Öl ins Wasser.
Einsatz des Wunderpulvers. Per Sieb wird es verstreut.
zeugt. «Mir gefällt, dass er so verbissen dafür kämpft.»
Möglicherweise hat sich der Kampf gelohnt. Vor über einem Jahr lernte Kroh den Schweizer Paul Schuler kennen. Der 55-Jährige hatte über einen Bekannten von Krohs Erfindung erfahren.
Zurzeit lässt der Verwaltungsratspräsident der Swisstech Holding AG prüfen, ob das von Kroh entwickelte Produkt gegen Ölverpestungen auch wirklich so wirkt, wie von Kroh behauptet. «Erst dann können wir beginnen, die Finanzierung sicherzustellen», erklärt Schuler. Spätestens Ende August soll der Testprozess abgeschlossen sein. Wo genau Krohs Produkte geprüft werden, möchte Schuler derzeit nicht verraten. Nur so viel: «Es ist in dieser Branche eine der wichtigsten Forschungsanstalten.»
Dass Werner Kroh bisher auf seiner bahnbrechenden Erfindung sitzen geblieben ist, kann Paul Schuler nachvollziehen.
«Es reicht nicht, einfach ein Produkt zu entwickeln und zu denken, dass man es dann verkaufen kann – auch wenn es ein Naturprodukt ist.»
Vor allem müssten die Standards der grossen Erdölkonzerne bezüglich Tests und Untersuchungen erfüllt werden. «Diese Kosten kann eine Einzelperson kaum aufbringen», stellt Schuler klar. Und auch die richtigen Kontakte spielen eine wichtige Rolle.
Die Swisstech Holding AG verfügt laut Schuler über Fachleute, die seit mehr als 20 Jahren im Ölgeschäft tätig sind. «Wir haben zudem ein internationales Beziehungsnetz», fügt der Swisstech-Ver- ‹‹ Swisstech hofft, nächstes Jahr mit der Produktion starten zu können.
waltungsratspräsident an. Entsprechend seien auch die nötigen Kontakte.
Das Unternehmen hat denn auch bereits die Fühler nach Abnehmern für Krohs Erfindung ausgestreckt. Und zwar auf der ganzen Welt. Die angepeilten Absatzmärkte für SOT-11 und LOT-11 sieht Schuler in Ländern wie den USA, Mexiko, Russland, Ukraine, Norwegen oder im Mittleren Osten. Aber insbesondere auch an den Standorten der grossen Frachthafenanlagen.
Die bisherigen Reaktionen seien durchwegs positiv ausgefallen, versichert Paul Schuler. «Jeder findet es gut.» Aber auch eine gewisse Skepsis sei zu beobachten, wie er anmerkt: «Viele fragen, wie das überhaupt funktionieren kann und warum man nicht schon viel früher darauf gestossen sei.»
«Bestes Produkt» Selbst die Experten des Testlabors, in dem derzeit die letzten Untersuchungen zu Krohs Erfindung laufen, seien völlig erstaunt gewesen. «So etwas haben wir bisher noch nie gesehen. Es ist das beste Produkt, das wir in dieser Richtung testen», gibt Paul Schuler die Reaktionen wieder.
Jetzt aber will man abwarten, bis alle nötigen Unterlagen auf dem Tisch der Swisstech liegen. Schuler hofft, bis in einem halben Jahr mit der Produktion und Vermarktung von SOT-11 und LOT-11 beginnen zu können.
«Wir kümmern uns um alles», stellt «Wellen-Simulation». Kroh rührt das Wasser um.
Öl und Pulver sind abgesunken. Übrig bleibt Trinkwasser.
Paul Schuler klar. «Herr Kroh soll weiterhin in Ruhe seine Produkte entwickeln können.»
Aus Krohs Erfinderwerkstatt dürfte noch einiges zu erwarten sein. Dass hat der Tüftler selbst schon bewiesen. Denn neben seinem «Öl-Beseitiger» hat er vor einiger Zeit auch ein Mittel entwickelt, welches das Waldsterben stoppen könnte.
«W1» hat Kroh es getauft. Und er hat es auch schon in der Praxis ausprobiert. Nachdem ihm Versuche in der Schweiz untersagt worden waren, in Luxemburg.
Alles begann mit einem Ölfleck Doch wie ist er überhaupt zum Tüftler geworden? Schuld war der Besitzer einer Autowerkstatt.
Dem wollte Werner Kroh vor gut 25 Jahren eine Autopolitur verkaufen. Der Mann wollte offenbar nicht so recht, weshalb er Kroh bestimmt erklärte, dass er ihm erst etwas abkaufe, wenn ihm der Vertreter einen Ölfleck beseitigen könne. Damit war Krohs Erfindergeist geweckt. Fortan stieg er in den Keller seines Hauses und begann Nacht für Nacht zu experimentieren. «Schritt für Schritt bin ich der Lösung des Problems näher gekommen.»
Wie lange er getüftelt habe? Werner Kroh schüttelt den Kopf. «Schwer zu sagen.» Und nach einer langen Pause: «Alle Stunden zusammen gerechnet, kommen sicher zwei bis drei Jahre zusammen.»
Der Ozean in der Wohnstube in Enggistein hat sich inzwischen beruhigt. Noch leicht trüb steht das Wasser in seinem Glasbehälter. Kroh nimmt den Ozean in beide Hände und schüttet sich vorsichtig ein Glas ein. Prost! Dann setzt er es an seine Lippen und nimmt einen kräftigen Schluck…
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