Alien-Invasion: Wie WüRden Wir Reagieren?
Mit gigantischem technischem Aufwand präsentiert uns Steven Spielberg dieser Tage sein Film-Remake vom «Krieg der Welten», in dem die Erde zum ersten Mal mit Ausserirdischen konfrontiert wird. Wie aber würde die Menschheit im Fall einer Kontaktaufnahme tatsächlich reagieren? Wären wir heute wirklich reif für eine offizielle Begegnung mit ETs? Namhafte Psychologie-Professoren, die «mysteries» dazu befragte, bezweifeln dies. Mehr noch: Ihre Prognose fallen mehrheitlich düster aus.
von Luc Bürgin «Sehr geehrte Damen und Herren, wir unterbrechen unser Programm für eine aktuelle Durchsage vom Mount Jennings Observatorium in Chicago. Professor Ferrel hat dort um 20 Minuten vor acht Uhr abends mehrere Explosionen beobachtet, glühendes Gas, das in regelmässigen Abständen auf dem Planeten Mars explodiert…»
Es war harte Kost, die der US-Radiosender CBS seinen Hörern an jenem 30.
Oktober 1938 zumutete: Sporadisch unterbrochen von Musikeinspielungen meldete sich ein Nachrichtensprecher zu Wort. Anfangs noch gelassen rapportiert er allerlei ungewöhnliche Ereignisse.
«Jetzt eine Nachricht aus der Nähe, aus Clinton, New Jersey. Es wird berichtet, dass um 20.50 Uhr ein riesiges flammendes Objekt, vermutlich ein Meteorit, auf eine Farm in der Nähe von Grovers Mill, New Jersey, 22 Meilen von Clinton entfernt, abgestürzt ist. Der Blitz am Himmel war in einem Radius von mehreren hundert Meilen sichtbar, der Einschlag war hörbar bis nach Elisabeth im Norden…»
«Was ist das?!»
Plötzlich überstürzen sich die Ereignisse. Ein Übertragungswagen wird zum Einschlagsort beordert, wo das ausserirdische Objekt niedergegangen war. Der Reporter meldet sich zu Wort: «Einen Moment mal, hier passiert jetzt etwas.
Irgendwas kommt aus dem Loch heraus, und ein kleiner Lichtstrahl wird gegen einen Spiegel gerichtet. Was ist das…?!»
Wieder folgen ein paar Takte Musik.
Und dann eine Sondermeldung: «Ein Hitzestrahl aus dem Objekt hat alle Umstehenden binnen Sekunden vernichtet. Die gesamte Region wurde unter Kriegsrecht gestellt. Das Monstrum beherrscht den mittleren Teil von New Jersey, die Verbindungen von Pennsylvania über den Atlantik sind unterbrochen.»
Die Landung der feindlichen Marsianer ist nun Dauerthema. Der Innenminister spricht. Dann wieder der Nachrichtensprecher. Auf dem Dach des Senders beschreibt er den Untergang von New York City. «Unsere Armee ist vernichtet…»
Was sich an jenem Abend an Amerikas Ostküste ereignete, ging in die Geschichte ein. Und machte den jungen Orson Welles weltberühmt. Seine fiktive Radioreportage führte zu panikartigen Szenen. Viele hatten die Hörspiel-Warnung am Anfang nicht mitbekommen – und glaubten sich tatsächlich angegriffen. Folge: Panische Telefonanrufe bei der Polizei und tumultartige Szenen im ganzen Land.
Massenpanik: Nur eine Ente?
So oder ähnlich wird es immer wieder kolportiert. Offenbar zu Unrecht, wie der Psychologie-Professor Helmut Lukesch von der Universität Regensburg jetzt gegenüber «mysteries» betont.
Wie Lukesch darlegt, gründen Aussagen über eine landesweite Panik in erster Linie auf einer 1940 publizierten Studie des Meinungsforschers Hadley Cantril («The Invasion from Mars»). Laut Cantril soll die Sendung damals von sechs Millionen Menschen gehört worden sein – wovon eine Million verängstigt reagierte oder in Panik geriet.
Solche Zahlenspielereien seien Unfug, betont nun Lukesch. Grund: «Die von Cantril vorgelegten Daten beziehen sich auf einen höchst selegierten Probandenkreis – nämlich 135 Personen, von denen 100 ausgewählt wurden, ‹weil von ihnen bekannt war›, das sie in eine Panik geraten seien.»
Zudem lege Cantril eher impressionistische Beschreibungen vor, die er dann als Situationen des Schreckens interpretiert.
In der Art: «Ich sah aus dem Fenster, und es sah alles wie gewöhnlich aus. Daher glaubte ich, dass die Marsmenschen unser Gebiet noch nicht erreicht hätten.» Oder: «Wir sahen aus dem Fenster und die Wyoming-Strasse war schwarz vor Autos.
Ich nahm an, dass die Leute wegzukommen versuchten.»
Somit handle es sich wissenschaftlich Tom Cruise im Angesicht der ETs. Szene aus dem neuen Spielberg-Film.
gesehen nicht um objektive Daten – sondern um subjektive Schlussfolgerungen in den Köpfen einer ausgewählten Gruppe, betont Psychologe Lukesch.
«Die Massenpanik reduziert sich letztlich darauf, dass ein äusserst kleiner Zu- ‹‹ Nur gerade zwei Prozent der Bevölkerung reagierten panisch.
hörerkreis durch die Sendung verunsichert war. Nach neueren Berechnungen hatten 12 Prozent der erwachsenen Bevölkerung die Sendung gehört. Davon hatten 28 Prozent die Sendung als Nachrichtensendung missverstanden und von diesen waren wiederum 70 Prozent verängstigt oder verstört.»
Gesamthaft gesehen hätte die Sendung also nur gerade zwei Prozent der gesamten US-Bevölkerung erschreckt. «Von einer allgemeinen Panik konnte keine Rede sein», bilanziert Lukesch.
Reif für den Kontakt?
Gute Nachrichten also – könnte man meinen. Umso mehr, als seither knapp 70 Jahre vergangen und Ausserirdische in den Medien längst Dauerthema sind.
Kommt dazu, dass wir mittlerweile selber Raumfahrt betreiben. Beste Voraussetzungen für einen offiziellen Kontakt also? Oder anders gefragt: Was geschähe tatsächlich, wenn wir die definitive Erkenntnis der Existenz einer extraterrestrischen Intelligenz auf dem Silbertablett serviert bekämen?
Was geschähe heute, wenn ein UFO offiziell vor dem Weissen Haus landen und ein waschechter ET aussteigen würde?
Wie würde die Menschheit reagieren, wenn unsere grössten Antennenschüsseln plötzlich ein ET-Signal auffingen, das klar also solches gekennzeichnet wäre? Oder einen ausserirdischen Gegenstand ausbuddeln würden, der vor Jahrtausenden auf der Erde zurückgelassen wurde?
Gäbe es heute immer noch Gründe, derlei Informationen geheim zu halten – aus Furcht vor den Konsequenzen? Oder haben wir mittlerweile etwas dazugelernt?
Das sagen die Psychologen «mysteries» hat dazu eine ganze Reihe von Psychologen befragt. Verhalten optimistisch äusserte sich etwa Dr. Bernd Kersten von der Universität Bern: «Meiner Ansicht nach wäre dies eine grosse Chance, dass die Menschheit sich tatsächlich als eine Menschheit versteht – und die immer erneuten Gegensätze (Xenophobie) vermutlich sehr abgeschwächt würden. Über diese Hoffnung könnte man natürlich ins Schwärmen kommen…»
Pessimistischer – und damit leider wohl auch realistischer – die Einschätzung von Professor Martin Schuster vom Institut für Psychologie der Universität Köln. «Generell sind Ausserirdische ja nicht unwahrscheinlicher geworden, seit man immer mehr bewohnbare Planeten entdeckt», schickt er voraus – und prophezeit im Kontaktfall ein ziemlich düsteres Spektakel: «Wenn die Evolution auch dort durch ein ‹Überleben des Stärksten› gelaufen ist, wird man mit Wesen rechnen müssen, die ihre eigenen Interessen ohne Kosten auf Verluste durchsetzen. Wenn sie denn hier landen, sind sie technologisch sehr überlegen und können den Menschen ihre Wünsche diktieren. Man kann nur hoffen, dass sie uns – wie vielleicht bisher – als ‹Naturpark weniger bemittelter Wesen› in Ruhe lassen.»
Etwas Angst sei also durchaus angemessen, meint Schuster «und das liegt – aus dem gleichen evolutionären Grund – auch in unseren angeborenen Verhaltens-Programmen gegenüber Fremden».
Zusätzliche Probleme ortet er, wie viele seiner Kollegen übrigens auch, bei der Kommunikation.
Schuster: «Eine gleichberechtigte Kommunikation kann sich wegen der unterschiedlichen Wissensstände kaum ergeben. Sollten sich die gelandeten Ausserirdischen nach einer gewissen Zeit als im Weiteren friedlich entpuppen, wird man sich nach anfänglicher Panik an sie gewöhnen. Es wird allerdings drastische Konsequenzen für unsere Selbstdefinition als ‹homo sapiens› geben.»
Ähnliches befürchtet auch Peter Gottwald, emeritierter Professor für Psychologie an der Ossietzky Universität Oldenburg. Und er malt die Konsequenzen gegenüber «mysteries» ebenso düster aus: «Spekulieren kann man, ob ein solcher Kontakt eine bewusstseinsmässige und kulturelle ‹Mutation› hervorrufen oder beschleunigen könnte. Alles hängt wohl vom Grad der wahrgenommenen Differenz zu den ‹Aliens› ab. Und die Geschichte der Kolonialisierung lässt vermuten, dass die Menschheit sich entweder selbst überschätzt – und dann eventuell bei einem eigenen Angriff zugrunde geht – oder, dass sie die ‹Anderen› überschätzt – und sich zu stark unterwirft.»
Gemeinsame Herrschaft?
Dass wir für einen Kontakt tatsächlich reif wären, scheint Gottwald denn auch eher zu bezweifeln: «Das gegenwärtig herrschende ‹mentale Bewusstsein› kann kaum schon als ‹Reife› bezeichnet werden», konstatiert er. Und schüttet zugleich – ohne es zu wissen – Wasser auf die Mühlen all jener, welche die USA bereits heute der Unterdrückung entsprechender Fakten verdächtigen.
Der Psychologie-Professor: «Vermutlich würden die gegenwärtigen ‹Machthaber› sich bei der neuen Übermacht andienen, um noch gründlicher über die Erde herrschen zu können. Dass sie auf ihre Macht verzichten, um solidarisch mit der ganzen Menschheit in den Kontakt einzutreten, ist wohl eine Illusion.»
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