Piraten-KöNig Sandokan: Gab Es Ihn TatsäChlich?

Kabir Bedi alias «Sandokan – Der Tiger von Malaysia». Der sagenumwobene Freiheitskämpfer lebte einst in Borneo.

Im Nu eroberte das TV-Epos «Sandokan» 1976 die Herzen der Zuschauer. Millionen schwärmten fortan vom glutäugigen Piraten und seinem Kampf gegen die britische Besatzung. Doch: Gab es Sandokan wirklich? Die Wissenschaftlerin Bianca Gerlich folgte in Malaysia seinen Spuren.

In den 90er-Jahren bereiste ich mehrmals Malaysia – speziell Sabah auf der Insel Borneo. Das Land, in dem der legendäre Pirat laut dem italienischen Romanautor Emilio Salgari einst gelebt hat.

Weil ich an der allgemeinen Behauptung, dass es Sandokan nie gegeben hat, zweifelte, versuchte ich Näheres herauszufinden. Nach unzähligen Gesprächen und Recherchen wurde ich schliesslich fündig.

Tatsächlich hat Sandokan im 19. Jahrhundert im Norden Borneos gelebt, und zwar am Kinabatangan, einem der grössten Flüsse in Borneo. Da der Ort Melapi als Familienstammsitz im 19. Jahrhundert an jenem Fluss lag, ist es wahrscheinlich, dass auch Sandokan dort geboren wurde – oder zumindest gelebt hat.

Sandokans Mutter hiess Adoran, sein Vater Maringganlapasentdhan.

Er trug den Beinamen «Taribong Mandog Awan», was im malaiischen «Harimau Udara» bedeutete und im Deutschen mit «Tiger der Lüfte» wiedergegeben werden kann. Auch seine Söhne trugen derartige Beinamen.

Vier Brüder absicherte. Sandokan hatte vier Brüder: Kassanudin, Paid, Manggi und Pagkon. Pagkon war der Grossvater des in Nord-Borneo berühmt gewordenen Pengiran Sammah, der sich gegen die Briten zur Zeit der British North Borneo Company erhoben hatte und am 17. Februar 1884 im Kampf ums Leben kam.

Sandokans Familie stellt so etwas wie den «ur-borneoschen» Adel dar. Er selbst kann als Begründer des Familienreichtums angesehen werden: Seine Familie profitierte von Vogelnesterhöhlen, die Sandokan entdeckt hatte.

In jenen Höhlen wurden zweimal pro Jahr Vogelnester «geerntet». Zu hohen Preisen gingen diese jeweils an die Chinesen, welche die Nester als geleeartige Masse zubereiteten – eine Delikatesse! Viele Geschichten ranken sich darum, wie Sandokan diese Höhlen entdeckte und gegenüber dem mächtigen Sultan von Sulu Bis zu diesem Zeitpunkt kann sein Lebenslauf anhand der Berichte von Flussbewohnern des Kinabatangans und seinen Nachkommen, der Familie Galpam in Sandakan, rekonstruiert werden. Dass jene Stadt ähnlich heisst wie er, dürfte kaum ein Zufall sein.

In Marudu ist Sandokan als Freund und Kampfgefährte Syarif Osmans im Gedächtnis geblieben, der ebenfalls gegen die Briten kämpfte. Syarif Osmans Festung in Marudu mag so etwas wie das wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentrum zur Zeit Sandokans gewesen sein. Ein Ort, der ihn sicherlich angezogen hat. Osmans Banner bildete die berühmte rote Flagge mit dem Tigerkopf.

Sandokan soll die Festung des damals höchst einflussreichen Syarifs am 19. August 1845 gegen die Briten verteidigt haben. Leider unterlag die Bevölkerung Marudus und die Festung wurde zerstört. In Limau-Limawan, im Norden der Bucht von Marudu, blieb Sandokan als Seeheld in Erinnerung, der das Meer von Sulu bis zur Malakka-Strasse beherrscht haben soll.

Mompracem existiert Was mit Sandokan nach der Schlacht von Marudu geschah, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehen. Emilio Salgaris Sandokan-Romane setzen inhaltlich ab 1849 ein, schildern aber Ereignisse, die an die Schlacht vom 19. August 1845 erinnern.

Laut Salgari ist Mompracem Sandokans Wahlheimat. Nach der Vertreibung aus seiner eigentlichen Heimat Marudu liess er sich auf der Insel nieder, um von dort die europäischen Kolonialisten und die mit ihnen verbündeten Einheimischen zu bekämpfen. Mompracem wurde damit zum Freiheitssymbol schlechthin.

Unklar bleibt, ob der historische Sandokan sich nach dem Fall von Marudu tatsächlich auf dieser Insel niedergelassen hat. Aber die Existenz Mompracems ist auf alten Landkarten bestätigt. Sie ist dort zwischen Labuan und Brunei eingezeichnet und galt als überaus wichtiger Orientierungspunkt für die Seeleute.

Im Laufe der Zeit wurde Mompracem umbenannt in «Keraman» (auch: «Kuraman») – «die Insel, die verschwindet» – da das Eiland von der Strömung des Meeres allmählich abgetragen wird. Keraman war damit, als es noch Mompracem hiess, sehr viel grösser als heute.

Heute lässt sich die malerische Insel via Labuan City in rund 20 Minuten bequem per Motorboot erreichen. Den Filmemachern von «Sandokan» war der Ort übrigens nicht felsig genug, so dass sie für die Dreharbeiten eine andere Insel im malaysischen Raum wählten… Bianca Gerlich ■

Ein Mann mit einem Bart und einem Turban auf dem Kopf.