Währungswunder im Chiemgau
»Das macht dann zehn Chiemgauer!« So oder ähnlich klingt es in manchen bayerischen Städten, wenn man beim Bäcker oder Metzger seinen Einkauf bezahlen will. Seit rund 14 Jahren ist im Chiemgau Deutschlands erfolgreichste Alternativwährung im Umlauf.
Natürlich kann man dort auch mit dem darbenden Euro bezahlen. Doch vom »Chiemgauer« proÀtieren statt der Banken nicht nur örtliche Ladenbesitzer, sondern auch lokale Vereine – und damit das regionale Gemeinwohl.
er in den oberbayerischen Landkreisen Rosenheim oder Traunstein einkauft, zieht – wenns ans Bezahlen Wgeht – nicht unbedingt Euro-Noten aus seinem Geldbeutel. Seit mittlerweile 14 Jahren können die Einwohner der bayerischen Region Chiemgau ihre Rechnungen bei Einzelhändlern und Gastronomen auch mit »Chiemgauer«-Geldscheinen bezahlen. Der »Chiemgauer« gilt als umsatzstärkste und bekannteste Regionalwährung in Deutschland – und noch dazu als eine der erfolgreichsten Komplementärwährungen der Welt.
2011 gab es in Deutschland zwischen Alpen und Küste noch 63 Regiogeld-Adressen, angefangen bei der »Hansemark« in Hamburg und dem »Roland« in Bremen, über den »Havel-Taler« in Neustadt/Dosse oder den »Braktus« in Hildesheim bis hin zur »Bürgerblüte« in Kassel sowie dem »Rheingold« in Düsseldorf. Manche dieser Währungen verschwanden wieder – doch der Chiemgauer blieb. Und er hängt in punkto Erfolg bis heute alle Konkurrenten ab. Die Nutzer des Regiogeldes können inzwischen selbst ihre Stromrechnung bei der Stadtwerke Rosenheim Versorgungs GmbH mit Chiemgauern begleichen.
Als ErÀnder des Chiemgauers gilt Christian Gelleri (43). Ein erster Impuls kommt dem Diplom-Handelslehrer und Betriebswirt 1989 auf einer Klassenfahrt in die damals kurz vor dem Zusammenbruch stehende DDR. Gelleri wundert sich darüber, dass er und seine Mitschüler für eine Westmark bis zu 50 Ostmark erhalten, obwohl der ofÀzielle Wechselkurs bei 1:1 liegt, dass ein Bier für eine Ostmark zu haben ist und eine Strassenbahnfahrt lächerliche 20 Ostpfennige kostet. »Klar fanden wir es toll, dass wir durch unseren Geldtausch auf dem Schwarzmarkt 50 Bier konsumieren konnten«, erinnert er sich schmunzelnd.
Dennoch kam er ins Grübeln.
Während seines Studiums verschlingt Christian Gelleri Bücher über Geldsysteme und stellt dabei fest, dass alle Währungen dieser Welt immer wieder stark an Wert verloren oder mitunter sogar ganz verschwanden. Für ihn stellen sich deshalb vielerlei Fragen. Vor allem: Wie kann ein Geldsystem nachhaltig funktionieren? Und wie bleibt der Wert stabil und das Geld in der Realwirtschaft ständig im Kreislauf?
Als Gelleri im Herbst 2002 als Wirtschaftskundelehrer an der Waldorfschule Prien beginnt, startet er mit Oberstufen-Schülern einer 10. Klasse das zukunftsweisende Unternehmensprojekt des Chiemgauers. Zu Beginn stellt sich jeder Schüler zwar noch etwas anderes darunter vor, doch machen sich alle voller Begeisterung daran, das Projekt zum Laufen zu bringen: Sie drucken Chiemgauer, sprechen Leute an, betreuen Geschäfte, verhandeln mit Lieferanten, entwickeln Werbestrategien, halten Vorträge – und überzeugen so innerhalb weniger Monate 130 Verbraucher.
Alle nutzen sie nach nur einem Jahr die neue Regionalwährung und setzen Chiemgauer im Wert von 75’873 Euro um.
Je älter ein Schein, desto geringer sein Wert 2004 ist die Zahl der Verbraucher um das Dreifache auf 380 angewachsen. Der Chiemgauer-Umsatz beläuft sich damals bereits auf 306’140 Euro. Tendenz weiter steigend. Doch wie funktioniert die Alternativwährung in der Praxis? Wer mitmachen will, muss sich einmalig registrieren und erhält dafür eine Regiocard. Bei der Kontoführung und Zahlungsabwicklung wird mit regionalen und ethisch-ökologisch orientierten Banken kooperiert. Unternehmer können Chiemgauer im Wert von 1:1 gegen Euro kaufen, hingegen nur gegen eine Gebühr von fünf Prozent in Euro zurücktauschen. Wobei von diesen fünf Prozent 60 Prozent an einen gemeinnützigen Verein gehen, den man bei seiner Registrierung zuvor jeweils selbst ausgewählt hat. Die verbleibenden 40 Prozent dienen der Kostendeckung der Chiemgauer-Herausgeber. Ebenfalls wichtig: Eingetauschte Geldscheine sind jeweils nur sechs Monate gültig, können nach Ablauf dieser Frist jedoch durch Kauf und Aufkleben von Marken im Wert von drei Prozent des Geldscheinwerts verlängert werden.
»Wer hundertprozentig hinter unserer Regiowährung steht, hat kein Problem damit«, sagt Christian Gelleri. Er schuf mit dem Chiemgauer ein Zahlungsmittel, damit die Leute ihr Geld Ausgabe 2/2017 45 ►Inspiriert von Sozialreformer Silvio Gesell: Arbeitswertscheine von 1932/1933 aus dem österreichischen Wörgl.
konsequent in ihrem lokalen Umfeld ausgeben. Und für die Unternehmen der Region besteht ein Anreiz beim Chiemgauer mitzumachen darin, neue Kunden zu gewinnen.
Eine Win-Win-Situation für alle. Gelleris Fazit zum vierzehnten Geburtstag der Regionalwährung im Februar 2017: »Ein Reallabor, das Schritt für Schritt immer besser funktioniert.« Heute nutzen bereits über 3500 Verbraucher das Regionalgeld. Und der Chiemgauer-Umsatz aller Unternehmen liegt inzwischen bei stolzen 7,5 Millionen Euro – Tendenz weiterhin steigend. Mittlerweile prangt an vielen Ladentüren und Kassen das Signet »Wir machen gerne mit!« – samt entsprechendem Währungssymbol.
Die Teilnehmer am System kämen mit der Alterungsfunktion des Regionalgeldes gut zurecht, so das Fazit von ErÀnder Gelleri. Zu Beginn habe es zwar einige Unsicherheiten gegeben, und mancher Unternehmer habe deshalb die Akzeptanz kurz vor Quartalsende abgelehnt. »Doch als sie erkannten, dass deswegen zusätzliche Kunden in ihre Läden kamen, verÁogen ihre Befürchtungen rasch.« Statt dessen hätten die Unternehmer angefangen, das Regionalgeld selber möglichst bald auszugeben. »Im Vergleich zum Euro hat sich eine dreimal so hohe Umlaufgeschwindigkeit entwickelt«, betont Gelleri nicht ohne Stolz.
Wiederholt sich im Chiemgau das Wunder von Wörgl?
Hauptschwierigkeit, mit der er und seine Schüler beim Start im Jahr 2002 zu kämpfen hatten, war die Skepsis von Banken und Gemeinden. »Bis heute gibt es immer wieder politische Widerstände«, sagt Gelleri und verweist auf das Beispiel einer Gemeinde, der vom Bayerischen Kommunalen Prüfverband sogar verboten wurde, beim alternativen Währungssystem mitzumachen. Dieses Verbot habe die Initiative zu Beginn stark zurückgeworfen. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte. »Solche Verbote gab es bereits früher.« Das bekannteste Geldexperiment fand im österreichischen Wörgl statt. In der kleinen Gemeinde war 1932 die örtliche Zement- und Zellulosefabrikation derart stark zurückgegangen, dass die Arbeitslosenquote bedrohlich anstieg. Angesichts leerer Kassen begann Bürgermeister Michael Unterguggenberger als Lohn für die Gemeindeangestellten eigene »Arbeitswertbestätigungen« auszugeben – sozusagen den »Wörgler Schilling«.
▲»Die Menschen leben vom Austausch ihrer Leistungen«. Die Rückseite des »Wörgler Schillings«.
Ideenlieferant für den Bürgermeister war damals die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell (1862-1930), einem kühnen deutschen Finanztheoretiker und Sozialreformer.
Bürgermeister Unterguggenbergers Experiment verlief mehr als erfolgreich. Geldkreislauf und Wirtschaftstätigkeit in Wörgl wurden wiederbelebt und die Arbeitslosigkeit deutlich gesenkt, während das übrige Land tief in der Wirtschaftskrise steckte.
Vom »Wunder von Wörgl« schwärmt man in Deutschland, Frankreich oder Amerika noch heute. Nur die Österreichische Nationalbank hatte keine Freude. Sie klagte vor Gericht erfolgreich gegen die Wörgler Freigeld-Aktion. Nach Androhung eines Armeeeinsatzes beendete der Bürgermeister sein vielversprechendes Experiment im September 1933 – notgedrungen.
Dass der Chiemgauer im Gegensatz zu anderen Regionalwährungen nicht verschwunden ist, führt dessen ErÀnder darauf zurück, »dass wir bei Problemen nicht aufgegeben und immer wieder kreativ nach Lösungen gesucht haben«. Christian Gelleri verweist dabei vor allem auf die wichtige Weiterentwicklung der bargeldlosen Variante des Regionalgeldes, die man zusammen mit regionalen Banken entwickelte.
»Dabei haben wir die Vorteile des Euro-Systems mit den Vorteilen eines Komplementärgeldsystems verknüpft.« Politische Widerstände gibt es bei Regionalgeld leider immer wieder.
46 Ausgabe 2/2017 Zu den aktuellem Herausforderungen, denen sich die Chiemgauer-Banker stellen müssen, zählt die Einführung von Negativzinsen im normalen Geldsystem. »Das ehrt uns einerseits, weil wir diese Idee bereits seit 14 Jahren praktizieren«, sagt Gelleri und fügt an: »Wir stellen das Positive dieser Idee heraus und nennen es lieber ›Umlauf-Impuls‹ oder ›Schwunggeld‹ statt ›Schwundgeld‹.« Vor allem die Medien setzten in ihrer Berichterstattung oft lieber auf letztgenannten negativ besetzten Begriff.
Gelleri ärgert das. Denn: »Das verankert sich so in den Köpfen.« Wird der Franken dereinst zu einer Art Chiemgauer?
Dass der Chiemgauer alle drei Monate zwei Prozent seines Wertes verliert, stellt laut Gelleri bis heute kein Problem dar. Die Nutzer akzeptierten dies, versichert er. Anfänglich habe es zwar etwas gedauert, nach und nach sei dieser »Alterungsprozess« aber als selbstverständlich verstanden worden. Um zu erforschen, welche Rhythmen optimal seien, habe man den Umlauf-Impuls deshalb auf sechs Prozent pro Jahr gesenkt. Die Aufwertung der Chiemgauer-Geldscheine erfolgt nun halbjährlich mit drei Prozent des Wertes.
Gelleri verweist in dem Zusammenhang auf die Region Freisinger Land, wo man mit einer Regionalwährung zusammenarbeite, die jährliche Aufwertungen durchführe. »Die Forschungsergebnisse könnten für Notenbanken durchaus interessant sein, wenn diese bei der nächsten Finanzkrise auch das Bargeld mit einem Negativzins belegen müssen. Man denke nur daran, dass die Trump-Blase platzen und die Wirtschaft stagnieren könnte.« Eine Folge wäre, dass die Flucht in den Schweizer Franken weiter zunehmen und die Notenbanken ihren Negativzins noch stärker anheben müssten. »Die Geldbesitzer würden dann auf Bargeld ausweichen und die Notenbanken müssten mit umlaufsichernden Instrumenten gegensteuern. Damit würde der Franken zu einer Art Chiemgauer.« Das würde den Vermögenden zwar nicht schmecken, da sie den grössten Teil der Liquidität hielten, aber die Wirtschaft, der Staat und die arbeitende Bevölkerung hätten weiterhin ihr Schmiermittel – Papiergeld, das in unserer digitalisierten Welt immer noch für 70 Prozent aller Zahlungsvorgänge und die Hälfte aller Umsätze verantwortlich ist.
Erfinder der Freiwirtschaftslehre: Silvio Gesell (1862–1930).
Apropos Schweizer Franken: In der Schweiz funktioniert ein ähnlich komplementäres Währungssystem seit 80 Jahren, samt Höhen und Tiefen: Der »WIR« ist neben dem Franken die einzige eidgenössisch anerkannte zweite Währung. Beim WIR handelt es sich um ein bargeldloses Verrechnungssystem unter den etwa 60’000 Teilnehmern der WIR-Bankgenossenschaft, die sich 1934 im Zuge der Weltwirtschaftskrise gegründet hatte.
Guthaben und Belastungen werden auf Konten der WIR-Bank verbucht, wobei der Buchungsauftrag als Zahlungsmittel gilt.
Ausserdem sind WIR-Kredite erhältlich. Diese werden nicht durch Schweizer Franken gedeckt, sondern über Grundpfandrechte, Bankgarantien oder Lebensversicherungen abgesichert. Die WIR-Bank muss dabei selbst keine Zinsen dafür aufbringen, weshalb die Zinssätze für einen Kredit besonders niedrig sind.
Neben der Kundenbindung gibt es noch eine weitere Motivation sowohl für Private als auch für lokale Geschäftsleute, um bei Deutschlands erfolgreichstem Regiogeld mitzumachen.
Die Vereine im Raum Chiemgau spielen dabei eine wichtige Rolle. Ob Schulen, Kindergär-WIR-Bank in Basel. Die alternative Schweizer Wirtschaftsring-Genossenschaft wurde 1934 gegründet.
ten, Trachten-und Sportvereine, Musikkapellen, Naturschutz- und Kulturinitiativen, Theatergruppen oder Feuerwehren – sie sind das Bindeglied, betont Christian Gelleri.»Sie werben unter ihren Mitgliedern für das Regionalgeld und erhalten dafür einen festen Prozentsatz.« Dieser wird aus dem Umtausch durch die Unternehmer bezahlt. Die Unternehmer können ihre Kosten minimieren, indem sie möglichst viel im regionalen Kreislauf ausgeben. Tun sie es nicht, spenden sie fünf Prozent für das Gemeinwohl. Mehr als eine halbe Million Euro Áoss den Vereinen und Organisationen seit 2003 zu. Eine gute Sache also, die sich über die Jahre hinweg bewährt hat.
Und noch etwas hat sich bewährt: Während Euro-Geldfälscher immer wieder neue Blüten unter die Leute bringen, ist der Chiemgauer bis heute noch nie gefälscht worden. »Die Region ist überschaubar, daher würde eine grössere Menge Blüten sofort auffallen«, sagt Gelleri. Bereits beim Start des Regiogeldes entschlossen sich Gelleris Schüler beim Druck ihrer 1er-, 2er-, 5er-, 10er-, 20er- und 30er-Noten, neben Seriennummern und UV-Sicherung jeden Schein durch den Aufdruck eines Prägesiegels sowie zwei Originalunterschriften zusätzlich zu sichern.
Idyllische Regiomotive als neues Erscheinungsbild Im vergangenen Jahr wurden zudem neue Chiemgauer ausgegeben, in handlicherem Format und mit einem komplett überarbeiteten Erscheinungsbild. Der Gegenwert der graÀsch aufgepeppten Geldscheine blieb gleich. Sie zeigen nun Fotomotive aus den Orten, welche die Alternativwährung aktiv unterstützen: zum Beispiel die Stadtpfarrkirche Traunstein, die Thorau Alm bei Ruhpolding, das Schloss Herrenchiemsee oder den Rauschberg samt GleitschirmÁiegern. Rund zehn spezielle Sicherheitsmerkmale sollen sicherstellen, dass die neuen Chiemgauer auch in Zukunft »blütensauber« bleiben. Scheine, die älter als vier Jahre sind, werden nicht mehr zur Rückgabe akzeptiert.
Eine notwendige Massnahme, denn derzeit sind 240’000 Chiemgauer in bar im Umlauf, dazu kommen 700’000 in elekt- Christian Gelleri. Für die kommenden Jahre prophezeit er für »seinen« Chiemgauer einen weiteren Aufschwung.
ronischer Form. Seit dem Start vor vierzehn Jahren hat sich Christian Gelleris Zahlungsmittel damit von einem idealistischen Schülerprojekt zu einer international beachteten Währungsalternative entwickelt. Seine zu Anfang von manchem Banker noch belächelte Idee beschäftigt angesichts der anhaltenden Euro-Krise mittlerweile auch Wirtschaftswissenschaftler rund um den Globus. Im British Museum in London werden die Geldscheine inzwischen ausgestellt. Und auch das Geldmuseum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main hat Chiemgauer angekauft.
Mittlerweile sind Alternativwährungen und lokale »Taler« auch in vielen weiteren Ortschaften in unseren Breitengraden wieder auf dem Vormarsch. Und so scheint die Geschichte von Deutschlands erfolgreichstem Regiogeld noch lange nicht zu Ende – im Gegenteil: Chiemgauer-ErÀn der Gelleri sieht für die kommenden fünf bis zehn Jahre »eine stabil wachsende Zukunftsprognose – in schwierigen Zeiten sogar mit grösseren Sprüngen«. Denn die nächste globale Wirtschaftskrise, so viel steht leider fest, dürfte nicht lange auf sich warten lassen.
Wie schrieb Silvio Gesell Ende des Ersten Weltkriegs in einem offenen Brief an die »Berliner Zeitung am Mittag« 1918 prophetisch: »Trotz des heiligen Versprechens der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz der Rufe der Millionen: ›Nie wieder Krieg!‹, entgegen all den Hoffnungen auf eine schöne Zukunft, muss ich sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich heute zu behaupten, dass es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg ste hen!« ■
















































































































