»Hey Leute, zieht euch mal rein, was hier steht: ›Der Kadaver dieses Mammuts wurde vollständig erhalten in der sibirischen Tundra gefunden. Im Maul sowie in seinem Magen fanden sich Speisereste – was darauf hindeutet, dass das Tier während des Grasens innert Sekunden erfroren ist.‹« (»The Day after Tomorrow«, 2004) Was ist dran an der Legende, wonach gewisse Mammuts in grauer Vorzeit quasi über Nacht eingefroren und in der Neuzeit mit noch unverdautem Mageninhalt im Eis wiederentdeckt wurden, wie uns Roland Emmerichs »The Day after Tomorrow« glauben macht? Deuten derlei Funde, wie im Film auf einer Museums-Schautafel erwähnt, auf einen plötzlichen Klimawechsel hin, der grosse Landstriche in Minutenschnelle zu Eis erstarren liess?
Spurensuche im Naturhistorischen Museum Basel: Hier beÀnden sich ge heimnisumwitterte Überreste des sogenannten Beresowka-Mammuts. Burkart Engesser, Paläontologe und Konservator, ist in diesen Räumen zu Hause. Jedes Objekt der prähistorischen Abteilung ist ihm vertraut – ein Stück seiner eigenen Geschichte. Der Schweizer war auch dabei, als Präparator Daniel Oppliger vor Jahrzehnten ein lebensgrosses Mammut im Museum anfertigte, das seither Tausende von Besuchern erfreut.
Das etwa drei Meter hohe Tier besteht aus einem eisernen Gerüst, aus Glasfasern, Kunststoff und Haaren isländischer Schafe, von Menschen und Braunbären. Etwas aber ist tatsächlich echt: der Mageninhalt. Oppliger montierte dafür eigens ein Guckloch in den Bauch des künstlichen Tieres. Wer hineinspäht, erblickt halb zerkaute Zweige und Gräser. »Mageninhalt, 40’000 Jahre alt«, steht darunter geschrieben.
»Diesen Mageninhalt erhielten wir vor langer Zeit aus St. Petersburg«, erklärt Burkart Engesser. Zur Gabe aus Russland gehörten auch ein Stück Mammuthaut, eingelegtes MuskelÁeisch und Haare. »Im Museum in St. Petersburg türmen sich ganze Berge entsprechender Mammut-Überreste«, weiss der Experte.
Kein Wunder, denn die meisten gefrorenen Tiere wurden in Sibirien gefunden.
Auch das Beresowka-Mammut, dessen Mageninhalt das Präparat im Basler Museum ziert.
Ausgegraben und abtransportiert wurde der aufgetaute Kadaver um 1901/1902 am gleichnamigen Fluss von Paläontologen aus St. Petersburg unter Leitung der Forscher Otto Herz und Eugen PÀzenmayer. Letzterer berichtete Jahre später darüber:»Schon eine ganze Weile, bevor ich den Mammutkadaver erblickte, traf ein Geruch, der gar nicht lieblich war, meine Nase. Das roch wie die Dämpfe, die aus einem schlecht gehaltenen Pferdestall kommen, stark mit Aasgeruch gemischt. Dann, nach einer Biegung des Pfades, sah ich den Schädel, der sich hoch erhob. Und jetzt standen wir am Grab dieses gigantischen Tieres! Hinterteil
Besagten Mageninhalt erhielten wir einst als Gabe aus St. Petersburg.
Ausgabe 3/2016 Schädel des Beresowka-Mammuts: Ausgebuddelt wurde der tiefgefrorene Kadaver 1901/1902 im Nordosten Sibiriens.
und Glieder sassen noch teilweise in den Erdmassen fest, in denen der Kadaver von oben her aus einer der breiten Spalten der Eisbank gerutscht war. Die Wände dieser Eisbank ragten an mehreren Stellen über dem Gebiet, von dem die Erde heruntergefallen war, fast senkrecht empor.
Das gut erhaltene Fleisch auf dem Oberarm, auf dem oberen Schenkel und auch auf dem Becken, war mit dicken Fettschichten bedeckt. So lange es noch gefroren war, sah es recht appetitlich aus. Es hatte eine dunkelrote Farbe, ähnlich gefrorenem RindÁeisch oder PferdeÁeisch. Nur grobfaseriger. Aber sobald es auftaute, veränderte es sein Aussehen völlig.« Schlaff und grau sei es geworden – und habe einen widerwärtigen, stinkenden Geruch von sich gegeben.
Selbst Experten stehen vor Rätseln»Das Beresowka-Mammut muss nach seinem Tod auffällig schnell gefroren sein, denn zwischen den Zähnen fanden sich noch gut erhaltene Reste der letzten Mahlzeit, Kräuter und Gräser«, bestätigt Paläontologe Engesser. Nach wie vor grübelt er darüber nach, warum sich im Magen auch Zweige fanden: »Vermutlich war Herbst oder Winter, als das Tier starb, und das Mammut hatte wenig Gras zu fressen.« Ausserdem seien diese Zweige kaum zerkaut. »Das ist seltsam, denn Rüsseltiere haben eigentlich starke Zähne, mit denen sie das Futter regelrecht zermalmen.« Der Kadaver des sibirischen Tieres wurde in sitzender Stellung gefunden, mit mehrfachen Knochenbrüchen. »Offenbar war das Tier in eine Eisspalte gestürzt und konnte sich nicht mehr befreien«, so Engesser. Wieso ein Mammut aber derart schnell einfrieren konnte, dass viele Weichteile erhalten blieben, könne bis heute nicht plausibel erklärt werden, räumt der Fachmann unumwunden ein. Ebenso rätselhaft bleibt bis heute, warum der Mageninhalt des Beresowka-Mammuts kaum verdaut war, wie die Proben in Basel beweisen.
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Mageninhalt des Beresowka-Mammuts in Basel: Warum diese Gräser und Zweige kaum zerkaut und unvergoren im sibirischen Eis aufgefunden wurden, bleibt bis heute ein Rätsel.
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