Gold, wohin das Auge blickt: Unermessliche Schätze erwarteten Howard Carter, als er 1922 die Grabkammer Tutanchamuns öffnen liess. Doch von den sagenumwobenen Papyrusrollen des ägyptischen Pharaos fehlt bis heute jede Spur. Stecken sie womöglich in einer der zahlreichen Statuen, wie der Ägyptologe Nicholas Reeves spekuliert? Neue Aufschlüsse könnte jetzt eine spektakuläre Ausstellung liefern, die ab April 2004 im Basler Antikenmuseum über die Bühne geht.
von Luc Bürgin «Zuerst konnte ich nichts sehen, da die aus der Kammer entweichende heisse Luft das Licht der Kerze zum Flackern brachte. Als meine Augen sich aber an das Licht gewöhnten, tauchten bald Einzelheiten im Innern der Kammer aus dem Nebel auf. Seltsame Tiere, Statuen und Gold – überall glänzendes, schimmerndes Gold.
Als Lord Carnarvon die Ungewissheit nicht länger ertragen konnte und ängstlich fragte: ‹Können Sie etwas sehen?› war alles, was ich herausbringen konnte: ‹Ja, wunderbare Dinge!› Dann erweiterten wir das Loch, so dass wir beide hindurch sehen konnten, und führten eine elektrische Lampe ein.»
Unzählige Spekulationen Was wurde über die Entdeckung des Pharaonengrabes von Tutanchamun durch Howard Carter nicht alles schon fabuliert. Hunderte von Werken berichten uns, wie die geheimnisvolle Ausgrabung im Tal der Könige 1922 vonstatten ging.
Hunderte von Autoren erzählen uns vom Fluch, der den Entdecker und seine Kumpane im Laufe der Jahre dahingerafft haben soll. Und Hunderte von Ägyptologen spekulieren bis heute, warum der 18-jährige Pharao 1323 v. Chr. von seinen Zeitgenossen zur Strecke gebracht wurde, wie eine Kopfverletzung erahnen lässt.
Neustes Beispiel der nicht enden wollenden Spekulationen: Tutanchamun soll an einer heimtückischen Erbkrankheit gelitten haben. Dies jedenfalls behauptet die britische Archäologin Gillian Vogelsang-Tutanchamun. Bis heute ranken sich um den ägyptischen Gottkönig zahlreiche Legenden und Spekulationen.
Eastwood vom niederländischen Völkerkundemuseum in Leiden nach einer Untersuchung seiner Kleider.
Sie will festgestellt haben, dass der bedauernswerte Pharao einen «birnenförmigen Körper» mit einem Hüftumfang von 110 Zentimetern besessen haben soll – und erntet für diese Erkenntnis anerkennende Blicke ihrer Fachkollegen.
Kaum dokumentiert Das wirkliche Geheimnis von Tutanchamun wird derweil völlig übersehen: Das Mysterium der verschollenen Papyrus-Rollen. Gerademal eine einzige aktuelle wissenschaftliche Publikation existiert darüber. Und die erschien 1985 auf einigen wenigen Seiten in den «Göttinger Miszellen» – einem Insider-Blättchen der Universität Göttingen, das einem erlauchten Kreis von renommierten Ägyptologen vorbehalten ist.
Worum geht es? Schon bald nach der Entdeckung des Pharaonengrabes träumten damalige Ägyptologen von einem grossen Schatz an Papyrus-Rollen, den das Grab enthalten sollte. Doch ihre Hoffnungen zerschlugen sich: Abgesehen von einem zerfallenen Fetzen, der einen rituellen Text enthielt, fand sich keine Spur der Papyri – weder im Sarg noch in den versiegelten Truhen.
Ein seltsamer Befund. Schliesslich statteten die alten Ägypter ihre verstorbe- ‹‹ Hat sich Carter die Papyri selber unter den Nagel gerissen?
nen Herrscher gerne mit allerlei Dokumenten aus, die historische, literarische und religiöse Texte beinhalteten.
Glaubt man den fantasievollen Thesen des englischen Forschers Gerald O’Farrell, dann gibt es eine Erklärung für die fehlenden Aufzeichnungen: Carter selbst soll sich die Papyri unter den Nagel gerissen haben! Aus religiösen Gründen, wie O’Farrell zu wissen glaubt.
Als Indiz für seine abenteuerliche These bemüht er eine schriftliche Bemerkung Lord Carnarvons an einen Freund, wonach im Grab Papyri gefunden worden seien, «die das Denken der Welt verändern» würden.
«Skandalöse Erzählung» Carter selbst – behauptet O’Farrell weiter – habe sich zumindest bei einer offiziell verbürgten Gelegenheit ausdrücklich dazu geäussert. So soll er anlässlich eines Gesprächs mit den ägyptischen Behörden vorübergehend die Fassung verloren und gedroht haben: «Ich werde der ganzen Welt Papyrus-Texte zur Kenntnis bringen, die ich im Grab gefunden habe! Dokumente, die eine wahre und skandalöse Erzählung des Exodus der Juden aus Ägypten beinhalten…» Wenig von derlei Verschwörungsthesen hält der renommierte Ägyptologe Nicholas Reeves. Auch er muss allerdings einräumen, dass «die Gründe für die bemerkenswerte Absenz der Papyri im Grab von Tutanchamun bis heute nicht zufriedenstellend geklärt werden können».
Reeves zählt zu den ganz Grossen seiner Zunft. Internationale Anerkennung erlangte er vor allem durch seine Forschungen im Tal der Könige. Parallel dazu fahndet er seit vielen Jahren in aller Stille, unbemerkt von Journalisten und Kollegen, nach den verschollenen Schriftrollen von Tutanchamun. Eine einzige wissenschaftliche Notiz zeugt bislang von seiner Suche – diejenige in den «Göttinger Miszellen».
Trotz einiger Rückschläge hat Reeves die Hoffnung noch nicht verloren. Im Zentrum seines Interesses stehen dabei nicht zuletzt die königlichen und göttlichen Holzstatuen, die Carter einst im Grab fand. Ähnliche Figuren kennen die Fachleute nämlich auch aus anderen Gräbern, so etwa demjenigen von Sethos I. Interessanterweise enthalten einige Statuen in ihrem Innern Hohlräume.
Hohlraum im Rücken Eine davon wurde 1898 bei der Entdeckung der letzten Ruhestätte Amenophis II. zu Tage gefördert. Verborgen in ihrem Rücken entdeckte man eine Papyrusrolle.
Für Nicholas Reeves ein klares Indiz, wo die Schrifttexte von Tutanchamun verborgen worden sein dürften. «Zumindest ein Teil der Begräbnistexte könnte in einem oder mehreren der göttlichen und königlichen Darstellungen versteckt worden sein, die man in seinem Grab fand», vermutet er.
Seine Aufmerksamkeit galt dabei lange Zeit den lebensgrossen Wächter-Statuen, die am Eingang von Tutanchamuns Grabkammer gefunden worden waren. Sie stehen heute im Ägyptischen Museum von Kairo. «Zusammen mit einigen japanischen Kollegen arrangierte ich vor einigen Jahren eine Röntgenuntersuchung der Wächter-Figuren», berichtet Nicholas Reeves. «Leider entpuppten sie sich dabei als solide. Das Rätsel um den Verbleib von Tut’s Schriftrollen dauert also an.»
Ist die Sache für ihn damit erledigt?
«Keineswegs», versichert Reeves. «Zu einem späteren Zeitpunkt möchte ich natürlich auch die kleineren Tutanchamun-Figuren diesbezüglich näher untersuchen.
Konkret geplant ist vorläufig aber noch nichts.»
Wer die Grabschätze in der Zwischenzeit auf eigene Faust inspizieren will, kann ‹‹ Howard Carter (r.). Momentaufnahme kurz vor der Öffnung des Grabes.
Warum stellt die neue Ausstellung alle bisherigen in den Schatten?
dies demnächst tun: Nach Paris (1967), London (1972) und Deutschland (1980) kommen die Kostbarkeiten aus der Grabkammer des legendären Pharaos nach über 20 Jahren nämlich erstmals wieder nach Europa – und zwar nach Basel.
Unter dem Titel «Tutanchamun – Das goldene Jenseits» wird in der Rheinstadt damit die bedeutendste europäische Ägypten-Ausstellung der letzten 23 Jahre stattfinden – vom 7. April bis 3. Oktober 2004 im Basler Antikenmuseum. Hinzu kommen Schätze aus anderen Gräbern aus dem berühmten Tal der Könige, so dass rund 120 Originale in Basel zu sehen sein werden.
«Auch als Museumsdirektor hat man Träume. Aber dass ein Traum wie die ‹Tutanchamun›-Ausstellung eines Tages wahr wird, daran wagt man kaum zu denken», schwärmt Peter Blome, Direktor des Antikenmuseum Basel.
Glücksgriff Dank ihrem international guten Ruf und ihren ausgezeichneten Beziehungen zur ägyptischen Antikenverwaltung und dem Nationalmuseum in Kairo war es den Museumsverantwortlichen gelungen, die Freigabe der Grabschätze aus dem Tal der Könige zu erlangen. Ebenfalls trug die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den schweizerischen und ägyptischen Behörden massgeblich zu diesem Erfolg bei.
Das Konzept der Ausstellung hat der zuständige Konservator des Antikenmuseums, Dr. André Wiese, mit seinem Team entwickelt. Im Zentrum steht die Frage: Wie sah ein königlicher Grabschatz im Neuen Reich aus, und wie unterscheidet er sich von den Grabbeigaben der königlichen Entourage?
Die Ausstellung zeigt also nicht nur 50 der bedeutendsten Kunstwerke aus dem Grab von Tutanchamun, sondern auch Grabgegenstände aus den übrigen Königsgräbern der 18. Dynastie (15. bis 14. Jahrhundert v. Chr.).
Einen weiteren Höhepunkt bilden Leihgaben aus dem unversehrten Grab von Juja und Tuja, den Schwiegereltern Amenophis III. Es wurde rund 20 Jahre vor Tutanchamun entdeckt, und war bis dahin die am meisten gefeierte Entdeckung im Tal der Könige, ja der gesamten ägyptischen Archäologie.
«Noch nie zu sehen» «Eine Ausstellung mit einer solchen Fülle an hochkarätigen Kunstwerken hat es noch nie gegeben», betont Museumsdirektor Peter Blome. «Viele der Objekte, die wir in Basel zeigen werden, waren bisher ausserhalb Ägyptens noch nie zu sehen.» Das Antikenmuseum Basel ist die einzige europäische Station der Ausstellung.
Die Grabschätze aus der Zeit der 18. Dynastie sind zwischen 3500 und 3300 Jahren alt. Viele sind aus Gold oder vergoldet. Gold galt im alten Ägypten als Farbe der unvergänglichen Sonne und war damit ein Symbol für die Wiedergeburt im Jenseits. Die in die Grabkammern mitgegebenen Schätze sollten dafür sorgen, dass die Verstorbenen im Jenseits eine sichere Fortexistenz hatten. In Basel wird auch ein Nachbau von Tutanchamuns Grabkammer zu sehen sein.
Insgesamt rechnet die Direktion des Museums in den sechs Monaten, in denen die Tore der Ausstellung geöffnet sind, mit einer halben Million Besucher. Und wer weiss: Vielleicht findet einer davon beim Betrachten der Artefakte ja tatsächlich einen neuen Hinweis, wo die sagenumwobenen Schriftrollen des Pharaos einst versteckt worden sein könnten.
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