Wollte Mahler den Tod austricksen? Spukt es in Schuberts Geburtshaus? Bringen Offenbachs Werke Unglück? Hatte Paganini seine Seele dem Teufel verkauft? Und weshalb fürchtete sich so mancher Meisterkomponist vor der Zahl 9? Ein Blick in die Musikgeschichte offenbart Unheimliches.

seiner Wiener Wohnung Zeuge des verheerenden Ringtheaterbrandes. Dies, nachdem er sich kurz zuvor entschieden hatte, der dortigen Aufführung von »Hoffmanns Erzählungen« nicht beizuwohnen, weil er sich »unwohl fühlte«.

Nicht viel besser erging es dem Musikgenie Gustav Mahler (1860–1911). Als ihm bewusst geworden war, dass er an seiner neunten Sinfonie arbeitete, bekam es der Künstler laut dem Komponisten Arnold Schönberg ebenfalls mit der Angst zu tun. Denn, so Schönberg 1912 in seiner Gedenkrede: »Es scheint, die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Diejenigen, welche eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schriebe. Und das soll wohl nicht so sein.« Der Fluch, der manchen seiner Vorgänger ereilte, war Gustav Mahler wohlbekannt, und als abergläubischer Sensibler fürchtete er je länger je mehr, dass es auch ihn treffen würde. Verzweifelt suchte er einen Ausweg. Da kam ihm die Idee, sein kommendes Opus »Das Lied von der Erde« zu nennen. Obwohl eine Sinfonie, weigerte er sich beharrlich, diese auch als solche zu bezeichnen. Die Selbstüberlistung half ihm aber ebenfalls nicht. Als Mahler an die Arbeit zu seiner zehnten – oder nach eigener Rechnung neunten – Sinfonie ging, segnete auch er das Zeitliche.

Das gleiche Schicksal ereilte wenige Jahrzehnte später Ralph Vaughan Williams (1872–1958): Den englischen Komponisten verliess die Lebenskraft exakt ein Jahr nach seiner neunten »E-Moll-Sinfonie«. Ebenso Jean Sibelius aus Ausgabe 6/2018 Ausgabe 6/2018 ind Sie abergläubisch? Dann beÀnden Sie sich in bester Gesellschaft. Denn bei der Zahl 9 schreckt so Smancher klassische Komponist selbst heute noch zusammen. Seinen Anfang nahm der vermeintliche Fluch mit Ludwig van Beethoven (1770–1827). Als der begnadete Musiker in Wien starb, hatte er insgesamt neun klassische Sinfonien zu Papier gebracht. Die zehnte hatte er begonnen, konnte sie jedoch nicht mehr vollenden. Der Tod war ihm zuvorgekommen.

Beethoven war nicht der einzige klassische Komponist, der nach seinem neunten Opus verstarb. Sein damals ebenso verehrter deutscher Nachfolger Louis Spohr (1784–1859) zog kurz vor seinem Ableben seine zehnte Sinfonie zwar noch zurück, konnte dem Sensemann mit diesem »Trick« aber ebenfalls nicht entrinnen.

Bereits mit 31 Jahren segnete der geniale Franz Schubert (1797–1828) das Zeitliche – kurz nach Beendigung seines fragmentarischen »Sinfonie-Entwurfes D-Dur«. Je nach Zählweise von Experten also nach Vollendung seiner achten, beziehungsweise neunten »Sinfonie C Dur«. Auch Antonín Dvořák (1841–1904), den in Prag verstorbenen Komponisten, ereilte der Fluch. »Aus der Neuen Welt« war seine neunte und zugleich letzte Sinfonie.

Der Oberösterreicher Anton Bruckner (1824–1896) verstarb noch vor Vollendung seiner neunten Sinfonie. Dies nach einem schrecklichen Erlebnis, das ihm derart zusetzte, dass er fortan an schlimmen Träumen und Phobien litt. So wurde der Komponist am 8. Dezember 1881 aus dem Fenster Finnland (1865–1957): Seine achte Sinfonie blieb aus perfektionistischen Gründen unvollendet, wobei es sich unter Mitzählung von »Kullervo« eigentlich bereits um seine neunte gehandelt hatte.

Auch der russisch-deutsche Pianist und Komponist Alfred Schnittke (1934–1998) starb noch während der Vollendung seiner neunten – oder je nach Zählung zehnten Sinfonie.

Weitere Komponisten der Neuzeit teilten ein ähnliches Schicksal: Peter Mennin, Roger Sessions, Egon Wellesz, Alexander Glasunow oder David Maslanka. Alles nur purer Zufall? Statistische Zahlenspielereien? Oder vielleicht doch unheimliches Schicksalsspiel höherer Mächte, deren Tun wir bis heute nicht verstehen, wie es anlässlich Mahlers Beerdigung bereits der oben erwähnte österreichisch-amerikanische Komponist Arnold Schönberg anklingen liess?

Kurioses Detail am Rand: Schönberg – ErÀnder und Verfechter der so genannten Zwölftonmusik – fürchtete sich seinerseits geradezu panisch vor der Ziffer 13, ebenfalls einer Eingebung folgend. »Geboren am 13. September 1874, richtete er sein ganzes Leben so ein, dass er die 13 möglichst vermied«, erinnerte der Schweizer Theologe Hans Küng 2012 in einer Rede in Luzern: »Nie sass Schönberg in einer 13. Reihe, Termine für den 13. verschob er oder sagte sie ab. Bei der Oper ›Moses und Aron‹ liess er im Titel lieber ein A von Aaron weg als 13 Buchstaben im Titel zu dulden. Den 13. Juli 1951 verbrachte der herzkranke ›Zwölftöner‹ denn auch in grosser Unruhe, erst nach Mitternacht soll er sein Schlafzimmer aufgesucht haben.« Dummerweise war Arnold Schönbergs Uhr im Wohnzimmer der Zeit voraus, wie sich später herausstellen sollte. Und so verschied der abergläubische Komponist im Alter von 76 Jahren (Quersumme 13) noch am 13. Juli 1951, rund 13 Minuten vor Mitternacht – und dies ausgerechnet auch noch an einem Freitag. Exakt so, wie es ihm seine allerschlimmsten Befürchtungen diktiert hatten.

Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 2
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 3
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 4
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 5
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 6
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 7
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 8
Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 9
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Der Fluch Der neunten Sinfonie – Abbildung 22

Die Vergänglichkeit war Anton Bruckner (1824–1896) ein Gräuel. Drei Jahre vor seinem Tod verfügte der heute verehrte, doch von zeitgenössischen Kritikern mitunter heftig gescholtene Komponist, posthum einbalsamiert zu werden.

Nach wie vor liegt sein in Formalin getränkter Körper in der Stiftskirche St. Florian bei Linz in einem Sarkophag unterhalb der Orgel. 1996 jedoch war es um die prominente Mumie alles andere als gut bestellt. Gnadenlos nagte der Zahn der Zeit an ihr. »Sie musste von Schimmelpilz befreit, gereinigt und wieder neu eingekleidet werden, um weiterhin in der Kirche ruhen zu können«, erinnert sich der Anthropologe Bruno Kaufmann gegenüber »mysteries«.

100 Jahre nach seinem Tod ging der Komponist deshalb nochmals auf Reisen. Nicht etwa im Leichenwagen samt Sicherheitseskorte – sondern klammheimlich, versteckt im Kofferraum eines Privatautos. Die postmortale Reise führte Bruckner von Österreich über die Grenze in die Schweiz. Genauer gesagt nach Aesch, einem Vorort von Basel. Dort leitete Kaufmann bis 2013 ein renommiertes Anthropologisches Institut, das auf Gebeine aller Art spezialisiert war.

»Als wir mit Bruckner fertig waren, sah er wieder aus wie neu«, schmunzelt der heute im Ruhestand lebende Leichen-Spezialist. Noch gut erinnert er sich an die kuriosen Umstände der Überführung: »Um kein böses Blut bei den österreichischen Kollegen zu schüren, hatte alles diskret und im Verborgenen zu geschehen.« Lediglich die Grenzbehörden waren über den heimlichen Leichentransport informiert.

Und so kutschierte Kaufmann den berühmten Toten in einer regelrechten Nacht- und Nebelaktion im Kofferraum seines Toyotas durch die Lande. Am österreichischen Zoll verlor er unerwartet Stunden, so dass er spätabends noch ein Hotel suchen musste – ebenso wie eine abschliessbare Garage.

»Schliesslich sollte niemand merken, welch heikle Fracht da im Fond meines Autos lag.« Dank gelungener Rettungsmission ruht Anton Bruckner seit April 1996 nun wieder an seinem angestammten Platz in der Stiftskirche: Um eine unerhoffte Reise reicher, dank»Frischzellenkur« aus der Schweiz dezent aufgehübscht, von einem örtlichen Prälaten erneut eingesegnet – und anschliessend wieder beigesetzt.

Bruckner: Posthume Spritztour in die Schweiz – und zurück – Abbildung 2
Bruckner: Posthume Spritztour in die Schweiz – und zurück – Abbildung 3