Er war der berühmteste Hypnotiseur der Schweiz: «Hermano» alias Hermann Michel. Neben aufsehenerregenden Massenhypnosen sorgte er in den 60er-Jahren vor allem mit seiner Raucherentwöhnung für Furore. Rückblick auf einen begnadeten Künstler und Heiler.
Seine Berufskollegen bezeichneten ihn als «Napoleon unserer Branche». Zu Recht: Abend für Abend zog Hypnotiseur Hermano das Schweizer Publikum in der Nachkriegszeit in seinen Bann.
Und versetzte das Publikum mit seinen Trance-Session in ungläubiges Staunen, so dass sich die Journalisten über ihn bald die Finger wund schrieben.
Zwischen 1944 bis 1948 füllte Hermano den Saal des berühmten Zürcher Corso-Theaters ebenso wie die Säle kleinstädtischer Lichtspieltheater und Mehrzweckgebäude.
Spektakulär, wie der Suggestor mit seinen Medien auf der Bühne arbeitete und Leute aus dem Publikum auf den Brettern in Wachtrance – beispielsweise auf vermeintlichen Weltreisen – die verrücktesten Dinge vollführen liess. Da balancierten Frauen aus dem Publikum verzückt auf einem imaginären Seil.
Und Männer «steuerten» ihre Stühle lässig wie ein Sportcoupé. Ohne sich anschliessend daran zu erinnern. Abend für Abend bat Hermano weitere Hypnosewillige auf die Bühne.
In Trance begannen sie ohne Hemmungen zu singen. Andere sprachen mit einer Balanceakt: Hypnotisierte Zuschauerin.
erwachsenen Person, die in einem Kinderwagen sass, als handle es sich um ein Baby. Dritte sassen auf dem Boden und wähnten sich dabei auf einem fliegenden Teppich durch die Lüfte kreisen.
Legendär auch Hermanos Gruppen-Hypnosen: Die Menge auf der Bühne raffte dabei vermeintliche Goldstücke zusammen. Dann wieder eilte sie vor einem (nicht vorhandenen) Brand davon. Oder sie riss sich die Kleider vom Leib, weil es ihr vermeintlich zu heiss war.
Und als Höhepunkt erstarrten die Freiwilligen schliesslich, legten sich mit Kopf und Füssen auf zwei Stühle: Ohne mit der Wimper zu zucken setzte sich der Hypnotiseur dann mit seiner ganzen Körperfülle auf ihre starren Körper – oder schritt gar über sie hinweg.
Ausgefeilte Technik Die Technik Hermanos bestand im allgemeinen darin, dass er die Augen seines Mediums durch einen schräg über ihn gehaltenen Gegenstand in die so genannte «Millersche Schlafstellung» brachte.
Durch suggestives Sprechen wurde das Medium in einen Zustand der «Schlafüberzeugung» gebracht, der in die eigentliche Hypnose überging.
Dabei wurde das Bewusstsein derart eingeengt, dass die hypnotisierte Person auf Aussenreize nicht mehr reagierte. In diesem Zustand war der Hypnotisierte ausserordentlich stark beeinflussbar.
Heute sind Spektakel, wie sie Hermano bot, nicht mehr öffentlich zu sehen. Die Konkurrenz des Fernsehens, vor allem aber auch ein verändertes Menschenbild führten dazu, dass solche Phänomene als Behandlungsmethoden Eingang in den medizinischen und psychotherapeutischen Bereich fanden.
Schon Sigmund Freud hatte die Hypnose neben der Psychoanalyse als Behandlungsmethode anerkannt. Allerdings sind gewisse Gefahren nicht zu übersehen. Trancezustände mittels Hypnose können denn auch nur herbeigeführt werden, wenn der Patient damit einverstanden ist.
Gewisse Zahnärzte beispielsweise wenden heute eine Behandlung unter Hypnose an. Sie führen mittels beruhigenden Worten und intensivem Augenkontakt einen tranceartigen Zustand herbei – um ihren Patienten die Schmerzen auszureden. Mit Erfolg!
Begabung geerbt Wer aber war Hermano eigentlich? Und was ist aus ihm geworden? Am 7. Juli 1916 im schweizerischen Appenzell geboren, besuchte Hermann Michel – so sein bürgerlicher Name – die Schulen in Zug und St. Maurice (Wallis).
Mit 14 Jahren zog er von zu Hause aus und kehrte nach einem Jahr, ohne je jemandem seinen Aufenthaltsort verraten zu haben, aber des Französischen mächtig, nach Hause zurück. Sogleich begann er, zuerst im Bekanntenkreis und im Militär, später auch auf der Bühne, mit seinen Zauber- und Hypnosevorführungen.
Seine Suggestions- und Hypnosebegabung hatte er von der Mutter geerbt, die damit aber nie hausieren ging. 1936 verheiratete er sich mit Rosa Maria Kessler.
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Hermann Michel unter dem Namen «Hermano» als Hypnotiseur.
Eines Tages erkannte der tiefreligiöse Michel, dessen äusserliche Besonderheit in seiner aussergewöhnlichen Körperfülle lag, dass er seine seltenen Fähigkeiten nicht nur zur Erheiterung der Menschen, sondern auch zu deren Nutzen einsetzen konnte.
So besuchte er medizinisch-psychiatrische Vorlesungen an verschiedenen Kliniken und begann, Ärztekurse in Hypnosetherapie durchzuführen. Sein Ziel war es, seine Begabung in Zusammenarbeit mit Ärzten weiterentwickeln zu können.
Und er wollte sich im Kanton Aargau als Naturheiler etablieren. Darin erblickte aber der damalige Aargauer Gesundheitsdirektor Rudolf Siegrist eine grosse Gefahr für den Kanton.
Konsequenz: Michel erhielt keine Erlaubnis, eine Praxis zu eröffnen, worauf er sich im appenzellischen Heiden niederliess. Mit Hilfe von dankbaren Sponsoren eröffnete er dort das «Kurhaus Hermano».
Damit hätte die Sache für die Aargauer eigentlich ein für allemal erledigt sein können – wenn nicht Gesundheitsdirektor Siegrist plötzlich von einem hartnäckigen Rheumaleiden befallen worden wäre.
Kein Arzt im Land vermochte ihn zu kurieren – ausser Hermann Michel.
Reumütig trat Siegrist den Canossagang nach Heiden an, und damit war für Michel der Weg zurück in den Aargau geebnet. Er liess sich zunächst in Lenzburg nieder und behandelte dort anfänglich Bandscheibenschäden, Zirkulationsstörungen, Kopfschmerzen, sowie Alkoholund Fettsucht.
Raucher-Entwöhnung In seiner Praxis in Seon (Aargau), wohin er später umzog, spezialisierte sich Hermann Michel in Zusammenarbeit mit einem Arzt auf die Raucherentwöhnung mittels Hypnose. Unzählige Meldungen über den Erfolg seiner Suggestiv- und Handauflegetherapien liessen aufhorchen.
Und als in den Sechzigerjahren – Michel wollte sich gerade als gutsituierter Hemmungslose «Auto-Fahrt». Auch diesen Zuschauer hatte Hermano hypnotisiert.
Hermano bei seiner Raucherentwöhnung. Tausende pilgerten zu ihm.
Hermano zu Beginn seiner Karriere. So präsentierte er sich auf Varieté-Bühnen.
Frührentner zurückziehen – die präventivmedizinische Antinikotinwelle in Bewegung kam, war sein Höhenflug als Heiler nicht mehr zu bremsen.
Tausende von Rauchern pilgerten zu ihm nach Seon, um sich – im Banne seiner pastoralen Erscheinung und seiner sonoren Stimme – durch seine Kräfte von ihrer Sucht befreien zu lassen. Er war der Erste und der Beste auf seinem Gebiet.
Der Ansturm wurde derart gross, dass Hermann Michel für seine bisweilen in Cars anreisenden «Kunden», wie er sie nannte, vor seinem Haus eigens einen grossen Autoparkplatz einrichten und zur Gruppenbehandlung übergehen musste. Die rasche Entwicklung brachte es mit sich, dass er in Notfällen auch via Telefon heilte.
Prominente Patienten Michels Renommee drang in fast aller Herren Länder. So wurde er vom Krebsforschungsinstitut New York nach Amerika gerufen, wo man seine Behandlungstechnik und deren Wirkung wissenschaftlich untersuchte.
An einem internationalen Ärztekongress in Lausanne referierte ein bekannter amerikanischer Mediziner über die Ergebnisse und äusserte seine Verwunderung, dass ein derart begnadeter Mensch in der Schweiz nicht bekannter sei.
Neben Präsident Papadopoulos, Sängerin Maria Callas und König Baudoin von Belgien gehörte auch das italienische Rote Kreuz zu seinen Kunden. Kaum erstaunlich also, dass selbst der damals bekannte Präventivmediziner Professor Meinrad Schär seiner Suggestiv-Antinikotintherapie – zumindest auf kurze Frist – «sehr gute» Heilungserfolge bescheinigte.
Hermann Michel starb nach längerer Krankheit 1979 in Seon. Er hinterliess elf Kinder, von denen vier heute ebenfalls als Heilpraktiker tätig sind. Albert Grimm■
Hermano und Mirin Dajo im Ortsmuseum Wallisellen Die neue Schweizer Wechselausstellung «Medizin, früher und heute» im Ortsmuseum Wallisellen/ZH an der Riedenerstrasse 75 widmet sich neben dem «unverletzbaren Propheten» Mirin Dajo – mit exklusiver Vorführung der Filme seiner schier unglaublichen Durchstechungen – auch dem Wirken von Hermano.
Die Ausstellung ist jeden ersten Sonntag im Monat von 13.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Auskunft: www.wallisellen.ch



























