Mysteriöses Geräusch lässt Betroffene verzweifeln
Er raubt ihnen den Schlaf, er ruiniert ihr Leben – und er lässt sie schier verzweifeln: Immer mehr Menschen leiden unter einem unerklärlichen Brummton. Trotz umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen und zahlreichen Messungen stehen selbst Experten vor einem Rätsel. Auch die Ärzte sind ratlos. Jetzt gehen die Betroffenen in die Offensive. In der Hoffnung, ihrem Leiden endlich ein Ende setzen zu können, kämpfen sie mit allen Mitteln um Gehör.
von René Haenig
Plötzlich war es da – dieses Brummen. Irgendwann, eines Abends im Sommer 1998. Matthias Mayer aus dem schwäbischen Blaubeuren-Gerhausen hatte sich gerade schlafen gelegt, als er auf einmal einen pulsierenden, verhältnismässig tiefen Ton wahrnahm.
«Ich habe meine Frau gefragt, ob sie auch etwas höre, aber sie meinte nur: ‹Du spinnst.›» Mayer dachte sich zunächst nichts weiter und schlief irgendwann ein. Hellhörig wird der 50-Jährige einige Zeit später, als ihn eine Nachbarin anspricht und fragt, ob er auch «so ein seltsames Geräusch» hören würde.
In Mayer keimt ein Verdacht auf. Zusammen mit der Nachbarin setzt er sich ins Auto und fährt in das nur zwei Kilometer von seinem Haus entfernte Steinmahlwerk Merkle.
«Als wir dort waren, glaubte ich, den Ton wiederzuerkennen», erinnert sich Mayer. Er schildert dem Werksleiter sein Problem. Der zeigt zunächst Verständnis, schickt einen Lärm-Messtrupp bei Mayer vorbei. Der findet nichts. «Da fragst du dich selbst, ob du noch richtig tickst», erzählt der Brummton-Geplagte. Zumal das Geräusch im linken Ohr sogar noch anschwillt, wenn er die Fenster seiner Wohnung schliesst.
Was folgt, ist ein juristisches Hickhack mit dem Betreiber des Steinmahlwerkes. Irgendwann erreicht Mayer, dass die lärmenden Maschinen kurz abgeschaltet werden. In Mayers Ohr brummt es trotzdem weiter.
Die Ärzte, die er aufsucht, sind ratlos.
Matthias Mayer ist verzweifelt. Ständig vernimmt er dieses Geräusch. «Es hört sich an, als ob du neben einem laufenden Bagger schläfst», versucht er den nervtötenden Ton zu beschreiben. Mayer stopft sich Ohrstöpsel in die Ohren. Ergebnislos. Er wird zum Bastler.

«Brummton-Opfer» Matthias Mayer in seiner Küche. Seit Jahren kämpft er um Gehör bei den Behörden.
Schlaflose Nächte
«Ich habe leere Cremedosen mit Schaumstoff ausgeschlagen und mir ans Ohr geklebt – es hat nichts gebracht.»
Nur wenn Mayer die flache Hand aufs Ohr legt, ist es etwas besser. Nächtelang kann er nicht schlafen.
Dann, kurz vor Weihnachten 1999, bekommt Mayer einen Anruf seines Schwagers aus Stuttgart. Der hat in der Regionalzeitung von jemandem gelesen, den offenbar ein ähnliches Problem wie seinen Verwandten aus Blaubeuren plagt.
Mayer schöpft Hoffnung. Er greift zur Lupe, um die Telefonnummer zu entziffern, die auf dem Foto zu dem Artikel auszumachen ist. Dann greift er zum Telefon. Und nach einem kurzen Gespräch ist ihm klar: «Ich bin nicht der Einzige, der dieses mysteriöse Brummen vernimmt.»
Allein in Deutschland gibt es inzwischen offiziell knapp 1200 Brummton-Betroffene. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Denn immer dann, wenn Medien vom Brummton-Phänomen berichten, so weiss Matthias Mayer, melden sich weitere Geplagte. Als jüngstes Beispiel verweist er auf einen Artikel in der Wetzlarer Zeitung: «Der Bericht enthielt einen Aufruf an Betroffene, sich zu melden.» Bereits am Erscheinungstag sei die Redaktion mit E-Mails und Telefonanrufen überflutet worden.
‹‹ Ist der Brummton lediglich das Ergebnis einer Massenhysterie?
Vor zwei Jahren behauptete deshalb ein Hamburger Privatdozent für Psychosomatik und Psychotherapie in einem Interview, dass der Brummton lediglich das Ergebnis einer Massenhysterie sei. Matthias Mayer stellen sich noch heute die Nackenhaare auf, wenn er davon erzählt.
Der angebliche Experte aus Hamburg musste allerdings kurz nach seiner Aussage einräumen, das Problem des Brummtons nur vom Hörensagen zu kennen. Dass sich nach Aufrufen in Zeitungen oder Radio- und TV-Sendungen mehr Betroffene melden, hat für Mayer vielmehr damit zu tun, dass die Brummton-Geschädigten vorher gar keine Anlaufstelle hatten und glaubten, mit ihrem Problem allein zu sein.
Unterdessen haben sich jedoch 30 Betroffene zur «Interessengemeinschaft zur Aufklärung des Brummtons» (IGZAB) zusammengeschlossen.
Mayer ist einer von ihnen. Die IGZAB betreibt inzwischen eine eigene Homepage im Internet, auf der sie alles Wissenswerte rund um das Brummton-Phänomen sammelt und weltweit zugänglich macht. Denn Betroffene gibt es nicht nur in Deutschland, sondern unter anderem in Australien, Israel, Slowenien, Dänemark, Holland, Belgien und der Schweiz. «Kürzlich hat sich bei uns sogar eine Frau aus Indien gemeldet, die den Brummton hört», erzählt Mayer.
Mit einem Fragebogen versucht die Interessengemeinschaft nun Licht ins Dunkel dieses Phänomens zu bringen. Erstes Fazit nach dem Rücklauf von 580 dieser Fragebogen: Die meisten der Betroffenen haben das Geräusch erstmals im Jahr 1995 wahrgenommen.
«Es gibt nur wenige Personen, die uns berichten, dass sie das Brummen schon früher gehört hätten», berichtet Matthias Mayer. 14-Jährige hören das Brummen ebenso wie 80-Jährige. Die Mehrheit der Hauptbetroffenen aber, so habe man herausgefunden, sei im Durchschnitt 48 Jahre alt. Sie alle litten unter einem an- und abschwellenden, tiefen Ton. Fast wortgleich würden die Betroffenen berichten, dass sie den Ton zunächst für einen defekten Kühlschrank hielten oder einen Lkw-Dieselmotor im Leerlauf, heisst es bei der IGZAB.
Am unerträglichsten werde der lärmende Ton meist nach Mitternacht. Und weil das Geräusch in geschlossenen Räumen, ja selbst in abgestellten Autos, noch stärker auftritt, schlagen einige Betroffene vor lauter Verzweiflung ihr Nachtlager gar im Freien auf.
Doch selbst die Flucht in einsameWälder nutzt oft nichts. Der Brummton raubt den Betroffenen auch dort den letzten Nerv. Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Schweissausbrüche, Herzrasen, Druck auf den Ohren, Vibrationen am und im Körper sind typische Begleiterscheinungen
des Brummtons.

Messungen auf der Schwäbischen Alb. Experten des «Seismic Data Analysis Center» aus Hannover bei der Arbeit.
‹‹Verursachen klimakterische Beschwerden das Leiden? ‹
Wie sehr die Betroffenen leiden, zeigt ein Brief, den Mayer von einer Frau erhalten hat. Fast 2500 Euro habe sie bisher
schon für Ohrenärzte, Kernspin-Tomogramme und Krankengymnastik ausgegeben, beschreibt sie ihren Leidensweg. Alles
umsonst. «Die Kommentare aus der Umgebung reichen von Belustigung bis hin zu Aussagen wie ‹klimakterische Beschwerden›
oder ‹hysterisch›», schreibt die verzweifelte Frau.
«Wissenschaftlich erklärbar»
Trotz der Verzweiflung, die auch Matthias Mayer beherrscht: Grossen Wert legt die Interessengemeinschaft zur Aufklärung
des Brummtons auf Seriosität. Matthias Mayer: «Wir sind überzeugt,
dass das Phänomen wissenschaftlich zu erklären ist.»
Mit Verschwörungstheoretikern und Esoterikern will die IGZAB nichts zu tun haben. «Die kommen mit den abstrusesten Ideen», weiss Mayer. Eines Tages sei bei ihm ein «Verrückter» aufgetaucht, der behauptete, dass im Innern der Erde Raumschiffe gefangen seien. Die würden nun immer an die Erdkruste anstossen und dadurch den Brummton erzeugen. Auch an Spekulationen über militärische Abhöranlagen oder geheime Experimente zur Bewusstseinskontrolle als Ursache des Brummtons wollen sich die IGZAB-Mitglieder nicht beteiligen.
Lange Zeit wurden die Betroffenen von Ämtern und Behörden nicht ernst genommen. Das änderte sich, als sich die Brummton-Opfer zusammenschlossen. Nachdem daraufhin allein in Baden-Württemberg rund 300 Beschwerden bei den zuständigen Lärmschutzfachstellen auf den Tisch flatterten, handelten diese.
Im August 2001 rückten Experten der Landesanstalt für Umweltschutz (LfU)Baden-Württemberg an 13 Orten im «Ländle» an, um dem Brummton-Phänomen auf die Spur zu kommen. Auch bei Matthias Mayer in Blaubeuren-Gerhausen tauchten die Brummton-Fahnder auf.
In der Küche, im Schlafzimmer, im ganzen Haus brachten sie ihre Messgeräte in Position. «Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich die Leute bei uns in
der Wohnung», erinnert sich Mayer. «Das nimmt man freiwillig nur auf sich, wenn man wirklich nicht mehr weiter weiss.»
Gleichzeitig wurde im Rahmen dieser Messungen in der Hals-Nasen-Ohren- Klinik in Tübingen das Gehör der Betroffen untersucht. «Drei Stunden dauerte die Untersuchung», erzählt Matthias Mayer. Die HNO-Ärztin kommt schliesslich zur Schlussfolgerung, dass die Brummton-Patienten im Unterschied zu den meisten Menschen tiefe Töne im unteren Frequenzbereich besonders gut wahrnehmen.
Immerhin werden Mayer und seine Leidensgenossen von dem Verdacht befreit, dass es sich bei ihrem Brummen im Ohr um ein simples Tinnitus-Leiden handeln würde. «Das versuchten meine Ärzte immer wieder mir weiszumachen», sagt Mayer.
Die LfU-Mitarbeiter erfassten unterdessen bei ihren Messungen in Blaubeuren und anderen Orten Baden-Württembergs Schallwellen mit Frequenzen
von 3 bis 20 000 Hertz (Hz), Erschütterungen von 1 bis 314 Hz sowie Magnetfelder im Frequenzbereich von 10 bis 2500 Hz. Bis in den November 2001 dauerten die Messungen.
Im vergangenen Jahr legte die Landesanstalt für Umweltschutz schliesslich ihre Untersuchungsergebnisse vor. Fazit: Bei den Schallmessungen könne «angesichts dieser unterschiedlichen Ergebnisse eine gemeinsame akustische Ursache bzw. Quelle für den Brummton ausgeschlossen werden», heisst es nüchtern in dem Bericht.
Ebenso «unwahrscheinlich» sei es, dass die bei den Erschütterungsmessungen registrierten «schwachen Schwingungen subjektiv wahrgenommen werden
können». Einzig und allein beim Ergebnis der Magnetfeldmessungen geben sich die LfU-Experten etwas zurükhaltender in
ihrer Einschätzung.
«Nach dem aktuellen Wissensstand über die Wirkung von Magnetfeldern auf den menschlichen Körper», so räumen sie ein, «kommen so geringe Magnetfelder
nicht als Ursache für den Brummton in Frage». Für die baden-württembergischen Behörden ist der Fall damit erledigt. Für Matthias Mayer und die IGZAB ein
niederschmetterndes Ergebnis. Sie finden, dass die Messung der LfU «mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat».
In ihrer Not wenden sich einige Brummtonopfer an Dr. Manfred Henger von der Bundesanstalt für Geowissenschaften
und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Manfred Henger arbeitet dort für die Abteilung «Seismic Data Analysis Center» (SDAC).
Die Wissenschaftler des BGR beschäftigen sich unter anderem mit weit entfernten, starken Explosionen – darunter auch Atomwaffentests. Langwelliger Infraschall, der bei solchen Tests entsteht, generiert Schallwellen, die selbst noch in einer Entfernung von Tausenden von Kilometern gemessen werden können.
Lauschtrupp in Aktion
Hengers Team hat die entsprechenden Messgeräte, um selbst solche Frequenzen aufzuzeichnen, bei denen sonst jedes
herkömmliche Messinstrument versagt. So hat das SDAC beispielsweise die Explosion einer Chemiefabrik im südwestfranzösischen Toulouse im Herbst 2001
im Bayerischen Wald aufgezeichnet.
In Blaubeuren rückt Hengers Messtrupp am 13. Mai 2002 mit vier mobilen Infraschall-Registriersystemen an. Vier Tage und Nächte «lauschen» die Wissenschaftler auf der Schwäbischen Alb.
Als der Bericht der Bundesanstalt vorliegt, kommt Ernüchterung auf. Die SDAC-Experten kommen darin zum Schluss, «dass der Brummton nicht durch
Infraschallquellen erzeugt wird». Die Auswertung der Daten lege die Vermutung nahe, dass der Brummton auf andere Ursachen zurückgeführt werden muss.
Als nutzlos wertet Hengers Team seine Arbeit dennoch nicht: «Obwohl diese Untersuchungen damit nicht zur Lösung des Phänomens Brummton beigetragen
haben, sind die Ergebnisse insofern von Nutzen, als die Ursachenforschung weiter eingegrenzt und Infraschall als mögliche Quelle nicht mehr in Betracht gezogen werden muss», schliesst das SDAC.
Die Suche nach den Ursachen des mysteriösen Brummtons geht also weiter. Bei der Interessengemeinschaft zur Aufklärung des Brummtons ist man schon
froh, dass inzwischen zumindest das Interesse einiger Wissenschaftler und Forscher geweckt werden konnte.
Derzeit ist das Institut für Technische Akustik der Technischen Universität Berlin daran, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt auf die Beine zu stellen.
Hauptziel der Berliner ist die Erforschung der Brummton-Wahrnehmungskriterien. Parallel dazu haben Mitglieder der Interessengemeinschaft zur Aufklärung des Brummtons bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige gegen unbekannt erstattet – wegen Körperverletzung.
Druck wächst
Druck macht die IGZAB auch bei Politikern. Ob Umweltminister Jürgen Trittin, die Ministerpräsidenten der einzelnen Bundesländer oder das EU-Parlament in
Strassburg, sie alle werden mit Briefen bombardiert, in denen Brummton-Betroffene um Unterstützung bitten.
Matthias Mayer hat den Schriftverkehr «mit denen da oben» sauber in seinen Ordnern archiviert. Mayer hat Zeit dazu. Viel Zeit. Letztes Jahr im Mai hat der 50-Jährige seinen Job in der Nutzfahrzeugbranche gekündigt. «Eine Verzweiflungstat», wie er erklärt.
Auch mit dem Lkw-Fahren ist es für ihn vorbei. 20 Jahre ist er nebenberuflich auf Achse gewesen. Aus. «Alles nur wegen dem Scheiss-Ton», kommt es gepresst
zwischen seinen Lippen hervor. In seiner Not hatte er sogar schon demjenigen 25000 Euro versprochen, der ihm den Ursprung des Tons nennt – und ihn abstellt. Mayer hat das Geld noch. Er schläft inzwischen wieder mit Ohrstöpseln. Mit einem kleinen Trick. «Ich halte die Dinger mit dem Daumen fest, aber irgendwann rutscht der Daumen raus – und dann bin ich wieder wach.» ■

Kommt der Brummton von dort? Matthias Mayer vor dem Steinmahlwerk Merkle bei Blaubeuren.
